Zuletzt aktualisiert am 12. September 2026 von tirolturtle
PRP, Stammzellen oder moderne Knorpeltherapien: Was hinter regenerativer Medizin bei Arthrose steckt.
Die regenerative Medizin verspricht einen grundlegenden Wandel in der Arthrose-Therapie. Statt nur Schmerzen zu behandeln, sollen biologische Verfahren helfen, körpereigene Reparaturprozesse im Gelenk zu unterstützen. Gleichzeitig wird der Begriff heute sehr unterschiedlich verwendet – und für Betroffene ist oft schwer zu erkennen, was tatsächlich dahintersteckt.
Arthrose beginnt oft unspektakulär. Ein Ziehen im Knie, Schmerzen nach Belastung, vielleicht erste Einschränkungen im Alltag. Der Weg führt dann meist zum Orthopäden. Und dort beginnt für viele eine Phase, die überraschend unübersichtlich ist.
Physiotherapie. Krafttraining. Einlagen. Injektionen. Und später fallen Begriffe wie PRP, ACP, Stammzellen oder regenerative Therapien.
Was davon sinnvoll ist – und was zum eigenen Stadium passt – bleibt dabei oft unklar.
Und genau hier zeigt sich ein zentrales Problem:
Zwischen dem, was heute medizinisch möglich erscheint, und dem, was tatsächlich wissenschaftlich gesichert ist, liegt oft eine große Lücke.
Was mit regenerativer Medizin bei Arthrose gemeint ist
Unter regenerativer Medizin werden Verfahren zusammengefasst, die nicht nur Schmerzen lindern sollen, sondern biologische Heilungs- und Reparaturprozesse im Gelenk unterstützen möchten.
Gerade bei Arthrose trifft dieser Ansatz einen zentralen Wunsch vieler Betroffener. Denn viele klassische Behandlungen helfen zwar gegen Beschwerden – erreichen aber die eigentliche Ursache oft nur begrenzt.
Wichtig ist dabei jedoch: Regenerative Medizin ist kein einheitliches Verfahren.
Der Begriff umfasst heute sehr unterschiedliche Ansätze
- biologische Injektionen
- sogenannte Orthobiologika (Orthobiologics)
- Zelltherapien
- moderne Knorpelverfahren
- experimentelle Forschungsansätze
Diese Methoden unterscheiden sich teilweise deutlich – sowohl in ihrer wissenschaftlichen Grundlage als auch in ihrer Verfügbarkeit und ihrem tatsächlichen Einsatz im klinischen Alltag.
Viele dieser Verfahren werden heute international unter dem Begriff „Orthobiologics“ zusammengefasst.
Verfahren, die bereits eingesetzt werden
Einige biologische Verfahren sind inzwischen bereits Teil des orthopädischen Alltags – wenn auch mit unterschiedlichen Erfolgsraten und Grenzen.
Besonders häufig diskutiert werden derzeit PRP- und ACP-Therapien.
PRP steht für „Platelet Rich Plasma“ – also plättchenreiches Plasma. Dabei wird Eigenblut entnommen, aufbereitet und anschließend in das betroffene Gelenk injiziert.
ACP steht für „Autologes Conditioniertes Plasma“ und gilt dabei als spezielle Form dieser Eigenbluttherapie.
Die Idee dahinter: Wachstumsfaktoren aus den Blutplättchen sollen Entzündungsprozesse beeinflussen und die Gelenkumgebung stabilisieren.
Vor allem bei früheren Arthrose-Stadien werden solche Verfahren inzwischen in vielen orthopädischen Praxen und spezialisierten Zentren eingesetzt.
Studien zeigen teilweise positive Effekte auf Schmerzen und Beweglichkeit. Gleichzeitig ist die Studienlage nicht einheitlich, und nicht alle Patientinnen und Patienten sprechen gleichermaßen darauf an.
Hinzu kommt: Die Verfahren gelten derzeit meist als Selbstzahlerleistungen und werden von den Krankenkassen häufig nicht übernommen.
Mehr zum aktuellen Stand von PRP-, Hyaluron- und Stammzell-Injektionen bei Kniearthrose.
Mehr zu modernen Injektionstherapien und Kombinationspräparaten bei Arthrose.
Auch Hyaluronsäure wird oft im Zusammenhang mit regenerativen Therapien genannt – streng genommen gehört sie jedoch nicht zur regenerativen Medizin im engeren Sinn.
Sie soll die Gelenkflüssigkeit verbessern und Reibung im Gelenk reduzieren. Dadurch können Beschwerden vorübergehend gelindert werden. Eine tatsächliche Regeneration von geschädigtem Knorpel ist damit allerdings nicht nachgewiesen.
Wo regenerative Medizin komplexer wird
Während PRP inzwischen vergleichsweise häufig eingesetzt wird, bewegen sich andere Verfahren stärker zwischen spezialisierter Medizin und Forschung.
Besonders viel Aufmerksamkeit erhalten derzeit Stammzelltherapien.
Dabei werden körpereigene Zellen – meist aus Fettgewebe oder Knochenmark – gewonnen, aufbereitet und anschließend in das betroffene Gelenk eingebracht. Ziel ist es, entzündliche Prozesse zu beeinflussen und regenerative Mechanismen im Gelenk zu unterstützen.
Die Verfahren unterscheiden sich jedoch erheblich – sowohl technisch als auch wissenschaftlich. Manche Ansätze werden bereits klinisch eingesetzt, viele andere befinden sich noch in Entwicklung oder werden derzeit intensiv untersucht.
Solche Ansätze werden nicht nur am Knie eingesetzt. Auch bei Rhizarthrose werden beispielsweise Verfahren mit aufbereitetem körpereigenem Fettgewebe wie Lipogems® eingesetzt.
Die Fachärzte Dr. Jürgen Barthofer und Dr. Philipp Mayr informieren auf ihrer Website über den Einsatz dieses Verfahrens bei Arthrose des Daumensattelgelenks.
Stammzelltherapie im ORF: So läuft die Behandlung ab
Wie eine solche Behandlung mit körpereigenem Fettgewebe in der Praxis aussehen kann, zeigte die ORF-Sendung Konkret im Jänner 2026. Begleitet wurde eine Patientin mit schweren Knieverletzungen nach einem Skiunfall bei einer Behandlung durch Dr. Anton Wukovits im Wiener Trinicum.
Bei dem Eingriff wurde zunächst Fettgewebe aus dem Bauch entnommen und anschließend aufbereitet. Zusätzlich wurde der Patientin Blut abgenommen. Das daraus gewonnene Plasma wurde mit dem aufbereiteten Material vermischt und anschließend direkt in das Kniegelenk injiziert. Der gesamte Eingriff dauerte laut ORF rund eine Stunde, erfolgte ohne Narkose und kostete 3.300 Euro. Die Patientin konnte unmittelbar danach wieder nach Hause gehen.
Wukovits erklärte im Beitrag, dass Stammzellen aus Fettgewebe oder Knochenmark zur Regeneration nach orthopädischen Verletzungen eingesetzt werden könnten. Dabei sprach er auch von der Regeneration von Knorpel und Kreuzbändern.
Interessant ist auch der weitere Verlauf, den der ORF dokumentierte. Fünf Wochen nach der Behandlung berichtete die Patientin dem Sender, dass der typische Anlaufschmerz im Knie verschwunden sei.
Bei Skitouren könne sie nach rund 1.000 Höhenmetern Aufstieg auch die Abfahrt wieder gut bewältigen. Gleichzeitig weist der Beitrag darauf hin, dass noch nicht bekannt ist, ob eine einzige Behandlung langfristig oder sogar lebenslang eine Verbesserung bewirken kann. Wukovits berichtet aus seiner Praxis, dass viele Patientinnen und Patienten ab etwa der vierten Woche Veränderungen bemerkten und sich Schmerzen und Beweglichkeit vor allem innerhalb der ersten drei Monate verbesserten.
Der Beitrag zeigt damit sehr anschaulich, wie solche Verfahren inzwischen auch in Österreich praktisch eingesetzt werden. Gleichzeitig bleibt die Frage nach der langfristigen Wirkung offen – und damit genau jene Grenze zwischen klinischer Anwendung und wissenschaftlicher Absicherung, die bei vielen Verfahren der regenerativen Medizin eine wichtige Rolle spielt.
Zum Video: ORF Konkret, 19. Jänner 2026, Stammzelltherapie mit Dr. Anton Wukovits
Stammzelltherapie aus Knochenmark
Ein weiteres österreichisches Beispiel für einen knochenmarkbasierten Ansatz ist die MarrowX®-Methode des Grazer Institute for Regenerative Medicine rund um Priv.-Doz. Dr. Christof Pabinger. Dabei wird körpereigenes Knochenmark aus dem Beckenkamm gewonnen und anschließend in das betroffene Kniegelenk eingebracht.
Das Verfahren wird unter der Bezeichnung BMAX® angeboten und unterscheidet sich damit sowohl von Eigenbluttherapien wie PRP als auch von Verfahren mit Zellen aus Fett- oder Spendergewebe.
Zu dem Ansatz liegen auch klinische Daten aus Österreich vor.
Eine 2024 in Scientific Reports veröffentlichte prospektive Studie untersuchte 37 Knie mit fortgeschrittener Arthrose der Stadien Kellgren-Lawrence III und IV über vier Jahre. Dabei zeigten sich Verbesserungen unter anderem bei Schmerzen und Gelenkfunktion, die im Beobachtungszeitraum anhielten.
Aufgrund der kleinen Patientengruppe und des fehlenden randomisierten Vergleichs lässt sich daraus allerdings noch keine allgemeine Überlegenheit gegenüber anderen Therapien ableiten.
Auch darüber hinaus wird regenerative Medizin in Österreich zunehmend sichtbar: In Wien wurde im März 2026 vom Orthopäden Dr. Patrick Weninger ein eigenes Regenerative Medicine Center gegründet, das verschiedene regenerative Therapieansätze bündeln soll.
Neue Stammzelltherapien werden erforscht
Auch internationale Unternehmen arbeiten aktuell an neuen Stammzelltherapien gegen Kniearthrose. Das schwedische Biotech-Unternehmen Xintela entwickelt mit XSTEM eine Zelltherapie auf Basis ausgewählter mesenchymaler Stammzellen aus Spendergewebe.
Im August 2026 wurden die Ergebnisse einer klinischen Phase-I/IIa-Studie mit 24 Patientinnen und Patienten mit moderater Kniearthrose im Fachjournal Cartilage veröffentlicht. Untersucht wurden Sicherheit und Verträglichkeit sowie erste Hinweise auf die Wirksamkeit.
Dabei zeigten sich Verbesserungen bei Schmerzen und Gelenkfunktion. Bei der höchsten untersuchten Dosierung wurden zudem Veränderungen an Knorpel- und Knochengewebe beobachtet. Aufgrund der kleinen Patientenzahl müssen diese Ergebnisse jedoch noch in größeren Studien bestätigt werden.
Auch in Deutschland wird an ähnlichen Ansätzen gearbeitet. Das Unternehmen BIONCaRT entwickelt mit MesemCart eine allogene Zelltherapie auf Basis von Zellen aus gespendetem Nabelschnurgewebe.
Anders als bei körpereigenen Stammzellverfahren müssen dabei keine eigenen Zellen entnommen werden. Die Therapie wird derzeit in einer klinischen Phase-I/IIa-Studie mit 55 Patientinnen und Patienten mit Knorpelschäden im Knie untersucht. Eine bereits bestehende Kniearthrose gehört nicht zu den untersuchten Indikatoren.
Wie groß der tatsächliche langfristige Nutzen solcher Stammzelltherapien ist, bleibt derzeit offen.
Wenn Knorpel gezielt repariert werden soll
Noch einen Schritt weiter gehen moderne Knorpeltherapien wie die autologe Knorpelzelltransplantation (ACT).
Dabei werden körpereigene Knorpelzellen entnommen, im Labor vermehrt und später gezielt in den Knorpelschaden eingebracht. Solche Verfahren gelten heute als hoch spezialisierte gelenkerhaltende Therapien – vor allem bei umschriebenen Knorpelschäden und jüngeren oder aktiven Patientinnen und Patienten.
Daneben werden in spezialisierten Zentren zunehmend auch biologische Gerüstmaterialien oder sogenannte Matrizes eingesetzt, die Heilungs- und Regenerationsprozesse im Gelenk unterstützen sollen.
Viele dieser Verfahren entwickeln sich inzwischen zu eigenen Spezialgebieten innerhalb der gelenkerhaltenden Orthopädie.
Mehr dazu im Überblick über moderne Knorpeltherapien.
Exosomen: Hoffnung für die Arthrose Therapie
Auch Exosomen gelten als spannendes Forschungsfeld.
Dabei handelt es sich um winzige biologische Partikel, mit denen Zellen untereinander kommunizieren. Sie könnten künftig Entzündungs- und Heilungsprozesse beeinflussen, gehören derzeit aber noch nicht zu etablierten Standardtherapien bei Arthrose.
Regenerative Medizin entwickelt sich derzeit dynamisch. Forschung, technologische Entwicklungen und wirtschaftliches Interesse treiben das Feld stark voran.
Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Entwicklung, medizinischer Praxis und den Erwartungen vieler Betroffener.
Denn nicht alles, was unter dem Begriff „regenerativ“ angeboten wird, ist gleich gut untersucht oder medizinisch bereits eindeutig belegt.
Während einige Verfahren bereits relativ breit eingesetzt werden, befinden sich andere noch klar im Bereich spezialisierter Zentren oder klinischer Forschung.
Gerade deshalb ist eine realistische Einordnung wichtig.
Der Gedanke, den Körper bei Reparaturprozessen zu unterstützen, entspricht einem zentralen Wunsch vieler Menschen mit Arthrose. Gleichzeitig gibt es bislang nur wenige Verfahren, bei denen tatsächlich eine nachhaltige Wiederherstellung von Gelenkknorpel eindeutig nachgewiesen werden konnte.
Hinweis: Die hier geteilten Informationen dienen der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzen keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung.
Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin und Herausgeberin des Arthrose-Magazins.
Illustration: KI-generiertes Bild (Symbolbild)









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