Zuletzt aktualisiert am 29. Mai 2026 von tirolturtle
Die Eigenbluttherapie gilt als moderne, biologische Alternative zu Kortison oder Hyaluronsäure. Doch was steckt tatsächlich hinter dem Boom um PRP und ACP?
Was vor wenigen Jahren vor allem aus der Sportmedizin bekannt war, wird heute in immer mehr orthopädischen Praxen angeboten: PRP- und ACP-Therapien gegen Arthrose.
Die Behandlung mit aufbereitetem Eigenblut soll Entzündungen beeinflussen und biologische Heilungsprozesse im Gelenk unterstützen. Manche sprechen bereits von einem Wendepunkt in der Arthrosemedizin – andere warnen vor überhöhten Erwartungen.
Tatsächlich entwickelt sich rund um sogenannte Orthobiologics derzeit ein wachsender Markt.
Gemeint sind biologische Therapieverfahren, die körpereigene Prozesse zur Regeneration unterstützen sollen. Dazu zählen unter anderem PRP, ACP oder verschiedene Stammzellverfahren. Mehr zu Stammzellen, Orthobiologics und regenerativer Medizin bei Arthrose:
Regenerative Medizin bei Arthrose: Zwischen Hoffnung und Realität
Vor allem Menschen mit Kniearthrose hoffen dabei auf eine Behandlung, die Schmerzen lindert, ohne sofort auf Kortison oder einen künstlichen Gelenkersatz angewiesen zu sein.
Was ist PRP – und was bedeutet ACP?
PRP steht für „Platelet Rich Plasma“, also plättchenreiches Plasma. Dabei wird dem Patienten zunächst Blut abgenommen. Anschließend wird dieses speziell aufbereitet und zentrifugiert, sodass bestimmte Blutbestandteile konzentriert werden können.
Das Ziel: Wachstumsfaktoren aus den Blutplättchen sollen Entzündungsprozesse im Gelenk beeinflussen und biologische Heilungsmechanismen unterstützen.
ACP („Autologes Conditioniertes Plasma“) gilt dabei als spezielle Form der PRP-Therapie. In der Praxis werden beide Begriffe häufig nahezu synonym verwendet – auch wenn sich die Verfahren technisch unterscheiden können.
Die Behandlung erfolgt meist ambulant. Das aufbereitete Plasma wird direkt in das betroffene Gelenk injiziert, häufig in das Kniegelenk. Viele Patienten berichten über eine vorübergehende Verbesserung von Schmerzen und Beweglichkeit. Wie stark der Effekt tatsächlich ausfällt, ist jedoch individuell unterschiedlich.
Anders als Kortison wirkt PRP meist nicht unmittelbar. Verbesserungen werden häufig erst nach mehreren Wochen beschrieben. Fachleute gehen davon aus, dass biologische Prozesse Zeit benötigen und der Wirkungseintritt daher oft verzögert erfolgt.
Warum boomt das Thema gerade?
Der Trend zu biologischen Gelenktherapien kommt nicht zufällig.
Zum einen wächst die Zahl der Menschen mit Arthrose kontinuierlich. Gleichzeitig suchen viele Betroffene nach Alternativen zu Schmerzmitteln, Kortison oder Operationen.
Hinzu kommt: PRP wurde in den vergangenen Jahren vor allem durch die Sportmedizin bekannt. Spitzensportler und Profivereine machten Eigenbluttherapien populär, inzwischen werden sie zunehmend auch in der allgemeinen Orthopädie eingesetzt.
Parallel dazu verändert sich auch die Sichtweise vieler Orthopäden. Während Kortison-Injektionen heute deutlich kritischer bewertet werden als noch vor einigen Jahren, rücken biologische Verfahren stärker in den Fokus.
Internationale Fachgesellschaften wie die europäische ESSKA beschäftigen sich inzwischen intensiv mit sogenannten Orthobiologics. PRP gilt dabei als eines der am häufigsten untersuchten biologischen Verfahren bei Arthrose.
Auch wirtschaftlich entwickelt sich das Feld dynamisch. Rund um ACP- und PRP-Therapien entstehen zunehmend spezialisierte Plattformen, Zentren und Gesundheitskampagnen. Viele Behandlungen werden allerdings als Selbstzahlerleistungen angeboten und sind nicht Teil regulärer Kassenleistungen.
Was sagt die Forschung?
Die wissenschaftliche Bewertung von PRP und ACP bleibt komplex. Einen Überblick über Hyaluronsäure, Kortison, PRP und Stammzellen bietet auch der Beitrag Injektionstherapie bei Kniearthrose.
Injektionstherapie bei Kniearthrose: PRP, Hyaluron & Stammzellen im Vergleich
Einige Studien zeigen positive Effekte auf Schmerzen und Gelenkfunktion – insbesondere bei leichter bis mittlerer Kniearthrose. Teilweise werden dabei länger anhaltende Verbesserungen beschrieben als etwa nach Kortison-Injektionen.
Andere Untersuchungen fallen deutlich zurückhaltender aus.
Besonders diskutiert wurde zuletzt die sogenannte PEAK-Studie. Dabei zeigte sich, dass Patienten mit früher Kniearthrose zwar Verbesserungen berichteten – allerdings auch die Placebo-Gruppe ähnliche Entwicklungen zeigte. Ein eindeutiger Zusatznutzen von PRP konnte in dieser Untersuchung nicht nachgewiesen werden.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: PRP ist nicht gleich PRP.
Die verschiedenen Systeme unterscheiden sich teilweise erheblich:
- Konzentration der Blutplättchen
- Aufbereitung
- Anzahl der Injektionen
- Leukozytenanteil
- Anwendungstechnik
Dadurch sind Studien oft nur schwer miteinander vergleichbar.
Trotzdem sehen viele Experten in PRP derzeit eines der interessantesten biologischen Verfahren im Bereich der konservativen Arthrosebehandlung – auch wenn noch viele Fragen offen sind.
Zwischen Hoffnung und Realität
Gerade im Internet und in sozialen Medien wird PRP teilweise sehr offensiv beworben. Manche Anbieter sprechen sogar von Knorpelaufbau oder Regeneration des Gelenks.
So eindeutig ist die wissenschaftliche Lage derzeit allerdings nicht.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, ACP entweder als Wundermittel oder als wirkungslose Modeerscheinung abzutun. Die aktuelle Studienlage zeigt vielmehr ein differenziertes Bild: Einige Untersuchungen berichten über Verbesserungen von Schmerzen und Gelenkfunktion, andere fallen deutlich zurückhaltender aus.
Zwar gibt es Hinweise darauf, dass PRP biologische Prozesse im Gelenk beeinflussen kann. Eine sichere Wiederherstellung geschädigten Gelenkknorpels konnte bisher jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden.
Auch die Erwartungen vieler Patienten spielen eine große Rolle.
Wer unter chronischen Arthroseschmerzen leidet, sucht verständlicherweise nach Alternativen zu Schmerzmitteln oder Operationen. Genau deshalb treffen biologische Therapien derzeit auf großes Interesse.
Gleichzeitig betonen Fachgesellschaften und Experten, dass PRP keine Wundertherapie ist. Entscheidend bleiben Faktoren wie:
- Stadium der Arthrose
- Gelenkfehlstellungen
- Muskelaufbau
- Bewegung
- Gewicht
- individuelle Belastungssituation
PRP kann konservative Maßnahmen ergänzen – ersetzt sie aber nicht.
Viele Experten betonen, dass biologische Therapien vor allem dann sinnvoll eingebettet sind, wenn sie mit Bewegung, Krafttraining und einer strukturierten Physiotherapie kombiniert werden.
Wohin entwickelt sich die Orthobiologie?
Die Entwicklung biologischer Therapien dürfte sich in den kommenden Jahren weiter beschleunigen.
Neben PRP und ACP wird derzeit intensiv an:
- Stammzellverfahren
- Exosomen
- Kombinationstherapien
- biologischen Matrizes
- neuen regenerativen Verfahren
geforscht.
Viele dieser Ansätze bewegen sich allerdings noch zwischen spezialisierter Medizin, Forschung und wirtschaftlichem Zukunftsmarkt.
Fest steht jedoch:
Die Orthopädie verändert sich. Der Fokus verschiebt sich zunehmend von rein symptomatischen Behandlungen hin zu biologischen und gelenkerhaltenden Therapiekonzepten.
Ob PRP und ACP dabei tatsächlich langfristig eine Schlüsselrolle spielen werden, ist noch nicht abschließend geklärt.
Das Interesse daran wächst jedoch deutlich – bei Patienten ebenso wie in der modernen Orthopädie.
Hinweis: Die hier bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzen keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung.
Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin und Herausgeberin des Arthrose-Magazins.
llustration: KI-generiertes Bild (Symbolbild)







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