Zuletzt aktualisiert am 31. Juli 2026 von tirolturtle
Welche Injektionen helfen bei Kniearthrose wirklich? Kortison-, Hyaluron-, PRP- und Stammzelltherapien im Vergleich.
Arthrose ist die häufigste chronische Gelenkerkrankung. Weltweit steigt die Zahl der Arthrose-Fälle, wobei die Kniearthrose den größten Anteil an der Gesamtbelastung hat.
Die logische Schlussfolgerung daraus: es werden mehr orthopädische Behandlungen benötigt und die Gesundheitsausgaben steigen.
Die Schlüsselfrage lautet daher: Was hilft bei Kniearthrose wirklich? Konservative Behandlungsmethoden, wie Physiotherapie, Bewegungstraining, GLA:D-Therapie und nicht zuletzt das Gewichtsmanagement, zählen zu den Eckpfeilern jeder Arthrose-Therapie.
Was sind Injektionstherapien bei Kniearthrose?
Unter Injektionstherapien versteht man Behandlungen, bei denen bestimmte Wirkstoffe direkt in das Kniegelenk gespritzt werden – also „intraartikulär“. Ziel ist es, Schmerzen zu lindern, Entzündungen zu hemmen oder Heilungsprozesse im Knorpel anzuregen.
Die Bandbreite reicht von bekannten Substanzen wie Kortison oder Hyaluronsäure bis hin zu neueren Ansätzen mit Eigenblut (PRP), Stammzellen oder anderen zellbasierten Verfahren.
Solche Injektionen werden meist ergänzend zu konservativen Maßnahmen wie Physiotherapie oder Schmerzmitteln eingesetzt. Welche Methode geeignet ist, hängt von der individuellen Situation, dem Krankheitsstadium und den Beschwerden ab.
Injektionstherapie bei Kniearthrose: Welche Verfahren gibt es?
Kortison-Injektionen:
Kortison-Injektionen werden vor allem bei akuten Schmerzen und entzündlichen Schüben im Knie eingesetzt. Sie können Beschwerden kurzfristig lindern, sollten aufgrund möglicher Risiken bei wiederholter Anwendung jedoch gezielt und zurückhaltend eingesetzt werden.
Eine große randomisierte Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte Triamcinolon bei 470 Menschen mit Kniearthrose. Nach zwölf Wochen zeigte sich gegenüber Placebo kein signifikanter Unterschied bei Schmerzen oder Gelenkfunktion. Die Ergebnisse unterstreichen, dass Kortison-Injektionen nicht bei allen Betroffenen einen zusätzlichen Nutzen bringen.
Auch aktuelle Empfehlungen betonen deshalb hauptsächlich den kurzfristigen und gezielten Einsatz – beispielsweise bei ausgeprägten Schmerzen oder einem akuten Entzündungsschub. Wiederholte Injektionen werden dagegen unter anderem wegen möglicher Auswirkungen auf den Gelenkknorpel kritisch diskutiert.
Hyaluronsäure-Injektionen:
Hyaluronsäure ist eine körpereigene Substanz, die im Gelenk als eine Art Schmiermittel wirkt. Bei Kniearthrose soll diese Therapie helfen, die Gelenkbeweglichkeit bzw. Gleitfähigkeit des Gelenks zu verbessern und Schmerzen zu reduzieren, denn bei Gelenkverschleiß sinkt die Verfügbarkeit dieser natürlichen Substanz, wodurch der Gelenkknorpel an Elastizität verliert.
Die wissenschaftliche Bewertung bleibt allerdings widersprüchlich. Während eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 kurzfristige Verbesserungen bei einzelnen Schmerz- und Funktionsparametern zeigte, kam eine große BMJ-Metaanalyse von 2022 zu einer deutlich kritischeren Einschätzung und bewertete den zusätzlichen Nutzen gegenüber Placebo als klinisch gering.
Auch Fachgesellschaften und Leitlinien kommen deshalb zu unterschiedlichen Empfehlungen. Lokale Reaktionen wie Schmerzen oder Schwellungen nach der Injektion sind möglich.
Mehr zur aktuellen Studienlage, zur Diskussion um Nutzen und Sicherheit sowie zu den unterschiedlichen Empfehlungen: Hyaluronsäure bei Arthrose: Zwischen Kritik und neuer Evidenz.
Hyaluronsäure bei Arthrose: Zwischen Kritik und neuer Evidenz
Plättchenreiches Plasma (PRP):
Bei dieser Behandlung wird körpereigenes Blut entnommen, aufbereitet und das dabei gewonnene plättchenreiche Plasma anschließend in das Kniegelenk injiziert. PRP enthält unter anderem Wachstumsfaktoren und andere biologisch aktive Bestandteile, die Prozesse im Gelenk beeinflussen könnten.
Untersucht wird PRP vor allem hinsichtlich einer möglichen Verbesserung von Schmerzen und Gelenkfunktion. Eine Regeneration von verlorenem Gelenkknorpel ist bislang jedoch nicht überzeugend nachgewiesen.
BMAC (Bone Marrow Aspirate Concentrate):
Bei BMAC wird körpereigenes Knochenmark – meist aus dem Beckenkamm – entnommen, aufbereitet und konzentriert. Das dabei gewonnene Knochenmarkkonzentrat enthält verschiedene Zelltypen und biologisch aktive Bestandteile, darunter auch mesenchymale Stromazellen, und wird anschließend in das betroffene Gelenk injiziert.
Untersucht wird das Verfahren unter anderem hinsichtlich möglicher Effekte auf Schmerzen und Gelenkfunktion. Eine langfristige Regeneration von verlorenem Gelenkknorpel ist bislang jedoch nicht überzeugend nachgewiesen.
Aufbereitetes körpereigenes Fettgewebe (z. B. Lipogems):
Eine weitere regenerative Behandlungsform nutzt körpereigenes Fettgewebe. Dabei wird Fettgewebe entnommen, mechanisch aufbereitet und anschließend in das betroffene Kniegelenk injiziert. Das aufbereitete Gewebe enthält verschiedene Zell- und Gewebebestandteile, darunter auch mesenchymale Stromazellen.
Untersucht wird, ob solche Verfahren Schmerzen und Gelenkfunktion bei Kniearthrose verbessern können. Eine Regeneration von verlorenem Gelenkknorpel ist bislang jedoch nicht überzeugend nachgewiesen, und die langfristige Wirksamkeit ist noch nicht ausreichend geklärt.
Wie wirksam sind Injektionen bei Kniearthrose?
Wie unterschiedlich Injektionstherapien bei Kniearthrose wissenschaftlich bewertet werden, zeigt auch ein Kommentar von Hiroshi Kawaguchi im Fachjournal Osteoarthritis and Cartilage.
Kortison kann demnach kurzfristig Schmerzen lindern, während der Nutzen von Hyaluronsäure in neueren, methodisch strengeren Studien geringer ausfällt. PRP und mesenchymale Zelltherapien werden als biologische beziehungsweise regenerative Ansätze untersucht, überzeugende Belege für eine tatsächliche Regeneration des Gelenkknorpels fehlen bislang.
Gleichzeitig rücken weitere Substanzen wie Botulinumtoxin Typ A und Resiniferatoxin als mögliche Verfahren zur Schmerzlinderung in den Fokus. Ihre langfristige Bedeutung bei Kniearthrose ist jedoch noch offen.
PRP bei früher Kniearthrose
Wie uneinheitlich die Datenlage zu PRP ist, zeigt die PEAK-Studie. In der randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Untersuchung erhielten 102 Patientinnen und Patienten mit früher symptomatischer Kniearthrose entweder eine oder drei PRP-Injektionen beziehungsweise Placebo.
Nach zwölf Monaten hatten sich die Beschwerden in allen drei Gruppen verbessert. Einen zusätzlichen Vorteil von PRP gegenüber Placebo konnten die Forschenden jedoch nicht nachweisen. Die Studie zeigt damit, warum PRP trotz positiver Ergebnisse anderer Untersuchungen weiterhin kontrovers diskutiert wird.
Fettgewebe und ACP
Der deutsche Orthopäde Dr. Markus Klingenberg dokumentiert seit 2018 Behandlungsergebnisse mit körpereigenem Fettgewebe.
Gemeinsam mit der Universität Bielefeld wurden Daten von 214 Patientinnen und Patienten mit Kniearthrose ausgewertet, die mit stromal-vaskulärer Fraktion (SVF) aus eigenem Fettgewebe in Kombination mit autologem konditioniertem Plasma (ACP) behandelt wurden.
Die Auswertung zeigte Verbesserungen bei Beschwerden und Gelenkfunktion, unter anderem gemessen mit KOOS und WOMAC. Die Ergebnisse liefern Hinweise auf einen möglichen klinischen Nutzen der Kombination. Für Aussagen zur langfristigen Wirksamkeit und insbesondere zu einer möglichen Knorpelregeneration reichen die Daten jedoch nicht aus.
Botulinumtoxin bei Kniearthrose
Auch Botulinumtoxin A (BTX-A) wird als mögliche Injektionstherapie bei Kniearthrose untersucht. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 verglich Botulinumtoxin mit Kortison und Hyaluronsäure.
Die Ergebnisse aus sechs randomisierten Studien mit 348 Erwachsenen deuten darauf hin, dass Botulinumtoxin Schmerzen lindern könnte. Aufgrund der bislang kleinen Studienbasis sind jedoch größere Untersuchungen notwendig. Bei Kniearthrose handelt es sich weiterhin nicht um eine etablierte Standardtherapie.
Was österreichische Forscher herausgefunden haben
Eine in Frontiers in Medicine veröffentlichte Analyse österreichischer Wissenschaftler vergleicht die Evidenz zu Kortison, Hyaluronsäure, PRP und BMAC bei Kniearthrose.
Dafür wurden klinische Studien, Meta-Analysen und Leitlinien ausgewertet, um Nutzen und mögliche Risiken der verschiedenen Injektionstherapien einzuordnen.
An der Analyse beteiligt waren Christof Pabinger vom Institute for Regenerative Medicine (IRM) in Graz, Georg Stefan Kobinia von der Austrian Society of Regenerative Medicine (RegMed) in Wien sowie Dietmar Dammerer von der Klinischen Abteilung für Orthopädie und Traumatologie am Universitätsklinikum Krems und der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften.
Bei den Injektionstherapien mit Kortison, Hyaluronsäure, plättchenreichem Plasma (PRP) und Bone Marrow Aspirate Concentrate (BMAC) kommen die Autoren zu folgenden Ergebnissen:
Kortison: kann Schmerzen und Funktion kurzfristig verbessern, der klinisch relevante Nutzen nimmt jedoch nach einigen Wochen ab.
Hyaluronsäure: wird aufgrund widersprüchlicher Studienergebnisse unterschiedlich bewertet; ein eindeutiger Vorteil gegenüber Placebo zeigt sich nicht durchgehend.
PRP: kann Schmerzen reduzieren und die Gelenkfunktion verbessern, die Evidenz ist jedoch weiterhin uneinheitlich und Fragen zur optimalen Anwendung sind offen.
BMAC: wird als biologisches Verfahren untersucht, bislang fehlen jedoch ausreichende Belege für eine verlässliche Regeneration von Gelenkknorpel und für einen langfristigen Nutzen.
Zusammengefasst vertreten die Autoren folgende Meinung:
- Konservative Maßnahmen wie Bewegung, Physiotherapie, Gewichtsreduktion oder Einlagen bilden die Grundlage der Behandlung und sollten auch eine Injektionstherapie begleiten.
- Keine der untersuchten Injektionstherapien bietet eine definitive Lösung für Kniearthrose. Welche Behandlung infrage kommt, hängt unter anderem vom Krankheitsstadium, den individuellen Beschwerden und möglichen Risiken ab. Zugleich sehen die Autoren weiterhin Bedarf an hochwertigen Studien.
Weiterführende Informationen: In einer zweiteiligen Serie erklärt Knorpelexperte Dr. Wolfgang Zinser regenerative Knorpeltherapien und die Bedeutung einer frühen Behandlung von Knorpelschäden. Einen Überblick über verschiedene Infiltrationstherapien bei Arthrose und Gelenkschmerzen gibt Gelenkexperte Dr. Ralf Rosenberger.
Infiltrationen bei Arthrose und Gelenkschmerzen – welche Möglichkeiten gibt es?
Hinweis: Die hier geteilten Informationen sollen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz beitragen, ersetzen aber in keinem Fall die ärztliche Diagnose, Beratung und Behandlung.
Foto: Shutterstock









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