Hüftchirurgie ist komplex - Hüftmeeting in Wien
Vienna Tortoise

Hüftchirurgie ist komplex: internationale Expertentagung in Wien

Hüftchirurgie ist komplex: Internationale Expert*innen tagten dazu in Wien. Nachlese von „Vienna Tortoise“ Gastbloggerin Angelika Eisenhut über das Wiener Hüftmeeting 2022.

Hüftchirurgie ist komplex: Nachdem 2018 erstmalig im Orthopädischen Spital Speising in Wien ein internationales Expertentreffen zum Thema komplexe Hüftchirurgie veranstaltet wurde, konnte nun nach coronabedingter Pause die Fortsetzung dieser Reihe stattfinden.

Ende April 2022 waren erneut Experten aus dem In- und Ausland im Spital Speising zu Gast, um beim II. Wiener Hüftmeeting Neues aus Hüftchirurgie und Forschung vorzutragen und zu diskutieren.

Als Vertreterin der Selbsthilfe Plattform Arthrose Forum Austria und Patient*innen Organisation Arthrose Forum Austria – Hilfe,Infos, Tipps, sowie selbst Trägerin zweier Hüftprothesen und Interessierte in Wissenschaft und Medizin hatte ich die Gelegenheit, an diesem Treffen teilzunehmen, um einen Blogbeitrag verfassen zu können.

Hüftchirurgie ist komplex: Top-Expert*innen aus dem D-A-CH Raum

Namhafte Vertreter aus dem Bereich der Humanmedizin, aber auch der Technik und der Evolutionsbiologie waren zu Gast, darunter Experten der gelenkerhaltenden Chirurgie sowie Chirurgen von Universitätskliniken, großen Fachkliniken und nach EndoCert zertifizierten Endoprothetikzentren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Die Referenten aus dem Bereich Hüftchirurge waren unter anderen:

  • Karl Grob und Näder Helmy aus der Schweiz,
  • Ralph Bieger, Mustafa Citak, Stephan Fickert, Jens Goronzy, Christian Merle, Georgi Wassilew und André-Ramin Zahedi aus Deutschland
  • sowie Catharina Chiari, Dietmar Dammerer, Christoph Gebhart, Mathias Glehr, Dietmar Krappinger, Reinhold Ortmaier, Bernhard Schauer, Arnold Suda und Reinhard Windhager aus Österreich.

Das Orthopädische Spital Speising war nicht nur Gastgeber, sondern als zertifziertes Endoprothetikzentrum und Forschungseinrichtung mit Vortragenden präsent, unter anderen durch:

  • Alexander Aichmair
  • Rudolf Ganger
  • Jochen Hofstätter
  • Christof Radler
  • sowie Mitarbeiter des Michael-Ogon-Labors für Orthopädische Forschung.

Weitere Informationen hinsichtlich Programms und Faculty sind unter Orthopädisches Spital Speising – Hüft-Expertenmeeting 2022  nachzulesen.

An zwei Tagen wurde unter der fachlichen und wissenschaftlichen Leitung von Priv. Doz. Dr. Jochen Hofstätter ein dichtes Programm an Vorträgen absolviert, begleitet von der Industrieausstellung der Sponsoren, die in den Pausen besichtigt werden konnte.

Hier kannst du das Tirolturtle-Interview mit Dr. Jochen Hofstätter zum Thema Endoprothesenregister und Hüftgelenkprothetik nachlesen.

 

Hüftchirurgie ist komplex: von der Erstimplantation bis zur Revision

Die Spanne der Vorträge reichte von der Evolution des menschlichen Beckens über gelenkerhaltende Eingriffe und die Erstimplantation von Hüftprothesen, zur Versorgung von Oberschenkelhalsbrüchen bis hin zu Beckenfrakturen und der Tumor- und Revisionsendoprothetik.

 

  • Hinsichtlich der Evolution des menschlichen Beckens ist immer wieder interessant, wie sich die Strukturen an den aufrechten Gang angepasst haben. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern führen zur Überlegung, inwiefern eine gendermedizinische Betrachtung nicht nur in Hinblick der bei Frauen häufiger auftretenden Hüftdysplasie, sondern auch hinsichtlich weiterer physiologischer und anatomischer Merkmale zukünftig eine Rolle in der Hüftchirurgie spielen könnte.

 

  • Die Hüftdysplasie, also die mangelhafte Überdachung des Hüftkopfes durch die Hüftpfanne, stellt immer noch ein breites Operationsfeld dar. Obwohl sie ja im Zuge des Neugeborenenscreenigs mittels Ultraschall immer weniger häufig anzutreffen ist, führt sie nachwievor bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu Beschwerden und früher Arthrose. Im Säuglingsalter kann meistens mit therapeutischen Maßnahmen der Manifestation einer Dysplasie vorgebeugt werden, bei der angeborenen Luxation muss operiert werden. Die Dysplasie im Kindes- und Jugendalter sowie bei Erwachsenen kann mittels einer Umstellungsosteotomie korrigiert werden, indem die Überdachung des Hüftkopfes durch gezielt gesetzte Knochenschnitte im Becken verbessert wird, um eine frühe Arthrose hinauszuzögern und Schmerzen zu vermindern. Bis zu welchem Alter welche dieser gelenkerhaltenden Operationen möglich ist, ist Gegenstand der Diskussion. Fakt ist, sie ist nur in einem arthrosefreien Gelenk machbar und sinnvoll und sollte lediglich vom erfahrenen Operateur durchgeführt werden.

 

  • Mit der Hüftdysplasie sind oft Fehlstellungen des Oberschenkels hinsichtlich Rotation und Neigung des Schenkelhalses verbunden, können allerdings auch isoliert auftreten. Eine Korrektur im Jugendalter ist sinnvoll und möglich, um einer frühzeitigen Arthrose vorzubeugen.

 

  • Die Hüftarthroskopie wird erfolgreich bei Jugendlichen eingesetzt, wenn sich knorpelige Veränderungen im Bereich von Kopf und/oder Pfanne durch eine starke Be- und Überlastung, beispielweise durch Sport, abzeichnen und zu Schmerzen führen. Haben sich diese Fehlstellungen, die Impingement genannt werden, knöchern manifestiert, kommt es zu Inkongruenz in der Beweglichkeit des Hüftgelenks. Dabei schränken eine zu geringe Taillierung des Schenkelhalses und/oder eine zu große Überdachung des Hüftkopfes die Bewegungsmöglichkeiten des Gelenks ein und führen zu Schmerzen und in weiterer Folge zu Arthrose. Eine Korrektur mittels einer Arthroskopie ist hier ebenfalls möglich, allerdings muss ein solcher Eingriff vom Spezialisten durchgeführt werden. Bei einem im Rahmen der Dysplasie auftretenden Impingement muss eine Arthroskopie sorgfältig abgewogen werden.

 

  • Mit der Dysplasie ist durch die Fehlbelastung oft ein Labrumriss verbunden, also eine Schädigung jener Gelenklippe, die den Hüftkopf am Rand der Pfanne zusätzlich stabilisiert und die bei der Dysplasie belastungsbedingt stark vergrößert ist. Risse im Labrum sind schmerzhaft und führen letztendlich zur Arthrose, inwiefern jedoch eine arthroskopische Korrektur bei einer stark ausgeprägten Dysplasie sinnvoll ist, ist fraglich.

 

  • Wenn Arthrose im Gelenk vorliegt, zeigt die computergestützte Ganganalyse deutlich, dass muskuläre Probleme und Verschiebungen in der Statik auftreten, weil der Körper die eingeschränkte Beweglichkeit ausgleichen muss. Angeborene Fehlstellungen der Rotationsachse des Oberschenkels werden durch die Anpassung von Gang und Fußstellung kompensiert, wie ersichtlich wird.Es stellt sich die Frage, inwiefern Fehlstellungen des Oberschenkels, die einen zu steilen oder zu flachen Schenkelhals sowie eine abweichende Rotationsachse bedingen, bei der Implantation der Totalendoprothese durch die Wahl des Schaftes korrigiert oder belassen werden sollten.

 

  • Wichtig ist, dass bei der zementfreien Verankerung des Schaftes dieser so fest eingebracht werden muss, dass in der Zeit des Einwachsens keine Mikrobewegungen stattfinden können. Sinkt der Schaft im Knochen ab, ist die Wahrscheinlichkeit für eine stabile mineralisierte Verbindung zwischen Prothese und Knochen reduziert, und aseptische Frühlockerungen können die Folge sein. Eine Rolle spielt dabei auch die Vermeidung von Überlastung in den ersten Wochen nach der Operation.

 

  • Wird der Hautschnitt und damit Zugang zum Hüftgelenk im vorderen Oberschenkel- und Leistenbereich gesetzt, kommt es oft zu einer Verletzung oberflächlicher Hautnerven. Taubheit, Kribbeln und elektrisierendes Empfinden sind die Folge, allerdings gibt sich dieses Empfinden innerhalb der ersten Monate nach Operation. Selten bleiben Nervenstörungen zurück, die gut operativ behandelt werden können.

 

  • Im Rahmen der Implantation einer künstlichen Hüfte kann es beim Einbringen von Pfanne und Schaft zu Knochendefekten im Bereich von Becken oder Oberschenkel kommen. Risse heilen bei entsprechender Entlastung gut ab, bei größeren Defekten ist eine operative Fixierung notwendig.

 

  • Eine schmerzhafte Komplikation ist die Luxation des künstlichen Hüftgelenks, also das Herausspringen des Kopfes aus der Pfanne. In den ersten Wochen nach der Operation besteht dafür eine erhöhte Gefahr, Luxationen können aber auch nach vielen Jahren auftreten. Eine Rolle spielt dabei die Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule, insbesondere im Sitzen, die bei der Implantation der Pfanne berücksichtigt werden muss. Inwiefern sich eine biologische oder operative Versteifung der Wirbelsäule auf bestehende Prothesen auswirken kann, ist Gegenstand weiterer Überlegungen.

 

Hüftchirurgie ist komplex: Wann kommt das Endoprothesenregister?

 

  • Der Ruf nach einem österreichweiten verpflichtenden Endoprothesenregister bleibt nachwievor im zuständigen Ministerium ungehört. Nach einem einmaligen Jahresbericht hinsichtlich Hüft- und Knieendoprothetik von 2018 gab es keinerlei Entwicklung hinsichtlich eines Endoprothesenregisters, die Thematik wird in Zukunft wohl auch nicht aufgegriffen werden.

 

  • In der Primärendoprothetik dürfen keine Komponenten unterschiedlicher Hersteller verwendet werden, auch wenn diese zueinander passend sind. In der Revisionschirurgie wird Mix & Match jedoch durchwegs notwendig um die Operation möglichst wenig invasiv halten zu können, ist aber ein Abwägen hinsichtlich Passgenauigkeit und Korrosion.

 

  • Infektionen sind eine gefürchtete Komplikation im Rahmen der Implantation, wobei in Abhängigkeit von der Lage des Hautschnitts und Zugangs zum Hüftbereich unterschiedliche Erregerspektren gefunden werden. Eine rasche und zuverlässige Diagnostik spielt ebenso eine Rolle wie das darauffolgende operative Vorgehen.

 

  • Infektionen können während der gesamten Standzeit der Prothese auftreten. Ein Tausch der Komponenten ist kaum verhinderbar, es stellt sich jedoch die Frage, ob dieser in einer Operation (einzeitiger Wechsel) oder mittels zweier Eingriffe (zweizeitiger Wechsel) erfolgen soll. Es hat sich gezeigt, dass sich beim zweizeitigen Wechsel, bei dem über einen Zeitraum der Hüftbereich ohne Prothese und damit gelenklos gehalten wird, das Erregerspektrum verändert.
  • Revisionsoperationen, bei denen zumindest Teile des Implantats ausgetauscht werden müssen, sind komplizierte Eingriffe, die mit einer hohen Infektionsgefahr, Luxationsrate und Knochen- und Funktionsverlust verbunden sein können. Das operative Vorgehen und die Wahl der Komponenten sind für Haltbarkeit und Lebensqualität entscheidend.

 

  • In Bezug auf individuell gefertigte Implantate in der Unfall- und Revisionschirurgie ist die Materialqualität hinsichtlich 3D-Druck noch nicht zufriedenstellend ausgereift, Materialbrüche und erhöhter Abrieb der Gleitpaarung durch Mikropartikel sind zwei noch nicht gelöste Problemstellungen.

 

  • Die Tumormedizin stellt eine Herausforderung in der Endoprothetik dar, nach Beckentumoren bietet die Versorgung mit individuell angefertigten Implantaten zufriedenstellende Ergebnisse.

 

  • Im höheren Alter sind Oberschenkelhalsbrüche häufig und müssen in der Regel endoprothetisch versorgt werden. In Abhängigkeit von der körperlichen und/oder mentalen Fitness soll entscheiden werden, ob eine Totalendoprothese oder eine Hemiprothese eingesetzt werden muss. Mobile, geistig fitte Patienten profitieren von einer Totalendoprothese, die im höheren Alter und hinsichtlich Knochenqualität zementiert werden sollte. Bei Demenz und eingeschränkter Mobilität ist eine Hemiprothese besser geeignet, da sie mit dem Ersatz des Hüftkopfes und Belassen der knöchernen Pfanne einen weniger invasiven Eingriff darstellt.

 

  • Beckenbrüche sind eine chirurgische Herausforderung um eine entsprechende Fixierung und Stabilisation der Strukturen wieder zu erreichen, insbesondere bei bestehenden Prothesen. Individuell angefertigte Implantate haben den Nachteil, dass eine Anfertigungszeit miteinberechnet werden muss, die Standardversorgung durch industriell gefertigte Platten, Schrauben und Überbrückungsmetalle ist die Alternative dazu.

Komplexe Hüftchirurgie: Was können Patient*innen mitnehmen?

Alles in allem war es ein spannendes Meeting, dessen Fortsetzung in zwei Jahren erfolgen wird. Bei dieser wissenschaftlich-medizinischen Aufbereitung der Hüftchirurgie stellt sich nun die Frage: Was können wir Patienten mitnehmen?

Ein Augenmerk sollte sicher darin liegen, noch mehr Aufmerksamkeit in die Vorbeugung der Hüftdysplasie zu legen. Auch wenn die Problematik seltener wird, wird sie die Hüftchirurgie weiterhin begleiten, da immer noch Fehlstellungen bis ins Erwachsenenalter unentdeckt bleiben.

Ein wesentliches Problem besteht darin, dass zunehmend Adipositas und deren Begleiterkrankungen zu Komplikationen sowohl in der primären Endoprothetik als auch bei Revisionen führen. Bewegungsmangel, Osteoporose und eine fehlende Sturzprophylaxe verschärfen die Situation.

In Hinblick auf Arthrose und eine notwendige Endoprothese sollte man also die Lebensgewohnheiten ändern, um optimal vorbereitet in die Operation gehen und Risikofaktoren vermindern zu können.

Doch auch nach dem Eingriff und gerade dann ist es sinnvoll, den Lebensstil zu anzupassen, um die neue Lebensqualität lange nutzen zu können. Adäquate Bewegung, eine Ernährungsumstellung und Gewichtsreduktion sowie die Infektionsprophylaxe erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine lange Standzeit.

Totalendoprothesen werden immer jüngeren, aktiveren Patienten eingesetzt, die teilweise hohe Ansprüche an ihr neues Gelenk haben. Hier gilt es, nicht zu früh in die Aktivität zurückzukehren, um eine gute Einheilung im Sinne der Standzeit erzielen zu können.

Hinweis: Die hier geteilten Informationen sollen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz beitragen, ersetzen aber in keinem Fall die ärztliche Diagnose, Beratung und Behandlung.

Fotos: Angelika Eisenhut

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