Gelenkschmerzen bekämpfen
Arthrose

European Pain Federation: Kampf gegen den Gelenkschmerz

Zuletzt aktualisiert am 23. Februar 2021 von tirolturtle

Kampf gegen den Gelenkschmerz: Die European Pain Federation rückt das Thema Schmerzen, Arthrose und Medikamente in den Fokus.

Kamp gegen den Gelenkschmerz: Die European Pain Federation EFIC hat das European Year Agains Pain ausgerufen und rückt Gelenkschmerz in den Fokus:

Die aktuelle Informationskampagne soll über vielfältigen Schmerzformen aufklären, die in den und rund um die Gelenke auftreten können.

Damit stellt die Europäische Schmerzföderation ein Gesundheitsproblem in den Mittelpunkt, unter dem weltweit mehr als die Hälfte der Bevölkerung über 50 Jahren zu leiden hat. EFIC Präsident Dr. Chris Wells:

Es geht uns nicht nur darum, das Gesundheitsproblem Schmerz in all seinen Facetten und Konsequenzen aufzuzeigen, Schmerzpatienten zu unterstützen und die breite Öffentlichkeit zu sensibilisieren.

Sondern es ist auch wesentlich, bei politischen Entscheidungsträgern Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Herausforderungen chronische Schmerzen für die Gesundheitssysteme bedeuten, und das hier eine Priorität gesetzt werden muss.

20 Prozent der chronischen Schmerzen weltweit gehen allein auf das Konto von Arthrosen, zahlreiche Menschen sind auch von entzündlichen Gelenkproblemen betroffen.

Die Behandlung der unterschiedlichen Gelenkschmerzen stellt nach wie eine große Herausforderung dar, doch jüngste Erkenntnisse versprechen effizientere Hilfe. Sie kommen allerdings noch nicht in ausreichendem Maß bei den Betroffenen an, kritisieren führende europäische Schmerzexperten.

  • Gelenkschmerzen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden überhaupt und sind ein führender Grund für Behinderung.
  • Ein bewegungsarmer Lebensstil, immer weiter verbreitete Adipositas und die gestiegene Lebenserwartung werden Gelenkschmerzen in Zukunft zu einem noch dringlicheren Problem machen.
  • Gelenkschmerzen verursachen, so wie chronische Schmerzen generell, nicht nur individuelles Leid, sondern enorme gesellschaftliche Kosten durch Gesundheitsausgaben, Krankenstandtage, Produktivitätsverlust oder Berufsunfähigkeit.

Welche wirtschaftliche Dimension das haben kann, zeigen Zahlen aus den USA: Zwischen 1996 und 2011 verzeichneten Ausgaben für die Behandlung von Gelenkbeschwerden mit 192 Prozent den höchsten Anstieg.

Im gesamten EU-Raum stellen muskuloskelettale Probleme die wichtigste Diagnosegruppe dar, was Gesundheitsausgaben und indirekte Kosten durch Produktivitätsausfälle betrifft.

Trotz großer Anstrengungen bringen die derzeit verfügbaren Therapien nicht immer die gewünschten Erfolge und bleiben mitunter hinter den Erwartungen der Patientinnen und Patienten zurück:

  • Die Versorgung muss deutlich verbessert werden.
  • Betroffene müssen schneller eine adäquate, sichere Behandlung bekommen, die nicht nur die Schmerzen bekämpft, sondern auch die Gelenke funktionstüchtig erhält.
  • Wir möchten zeigen, was dazu nötig ist, und ein Bewusstsein dafür schaffen, wie sehr er sich lohnt, in die Behandlung von Gelenkschmerzen zu investieren.

Kampf gegen den Gelenkschmerz: 150 Schmerzarten bekannt 

Bislang wurden an die 150 verschiedenen Formen von Gelenkschmerzen mit zum Teil sehr unterschiedlichen Ursachen identifiziert. Sie können beispielsweise von Knochenbrüchen ebenso herrühren wie von vorangegangenen Gelenkoperationen.

Die häufigste Ursache für chronische Probleme mit den Gelenken sind abnützungsbedingte Arthrosen, Kristallablagerungen (Gicht) und entzündliche Prozesse.

Prof. Bart Morlion, President elect der EFIC – richtet das European Year Against Pain inhaltlich aus – sagt dazu folgendes:

Die vielfältigen Ursachen und Mechanismen der breiten Palette von Gelenkschmerzen werden heute noch nicht ausreichend verstanden, denn die Forschung hat sich bis dato vor allem auf die häufigsten Formen konzentriert.

In letzter Zeit gab es aber eine Reihe wichtiger neuer Erkenntnisse, die ihren Weg in die Praxis finden müssen, etwa was gemeinsame Entstehungmechanismen oder Manifestationen ganz unterschiedlicher Formen von Gelenkschmerzen betrifft.

Die Politik ist gefordert, die nötigen Rahmenbedingungen für maßgeschneiderte Programme für unterschiedliche Patientengruppen zu schaffen.

Während etwa Veränderungen an den Knochen mit entsprechenden Wirkstoffen behandelt werden sollten, könne man stark Übergewichtigen ein Gewichtsreduktionsprogramm anbieten. Die Forschung sei weiterhin gefragt, Antworten auf die zahlreichen offenen Fragen bei der Diagnose und Behandlung zu finden.

Wir setzen darauf, dass das Europäische Jahr gegen Gelenkschmerzen diesbezüglich wichtige Impulse setzen wird.

Kampf gegen den Gelenkschmerz: Arthrose weit verbreitet

Osteoarthritis, im deutschen Sprachraum besser als Arthrose bekannt, ist die häufigste Form von schmerzhaften Gelenkproblemen.

Diese komplexe Erkrankung ist charakterisiert durch einen übermäßigen Verschleiß der Gelenke, bei der mechanischer Schmerz mit entzündungs- und/oder neuropathischem Schmerz gekoppelt sein kann.

Immerhin 20 Prozent aller chronischen Schmerzen weltweit gehen auf das Konto von Arthrosen. Zehn bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung sind davon betroffen, und die Prävalenz für diese Krankheit steigt klar mit dem Alter: Bei 40 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer zwischen 60 und 70 Jahren wird Arthrose diagnostiziert.

Sie ist die häufigste Erkrankung des Bewegungsapparats bei älteren Menschen und sorgt in dieser Gruppe öfter für Behinderung als jede andere Erkrankung.

Nicht bei allen Patientinnen und Patienten, bei denen sich die Krankheit auf dem Röntgenbild nachweisen lässt, treten Symptome wie Gelenkschmerzen oder Steifheit auf. Bei zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung weltweit ist dies jedoch der Fall. Knie-, Hand- und Hüftgelenke sind am häufigsten in Mitleidenschaft gezogen.

Gelenkschmerzjahr: Arthrose als eine Gelenkkrankheit

Lange wurden Arthrose Schmerzen vernachlässigt und die dahinter liegenden Mechanismen und Therapiemöglichkeiten falsch eingeschätzt. Prof. Morlion sagt dazu:

Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Arthrosen mehr sind als eine Gelenkskrankheit und dabei Fettleibigkeit, metabolisches Syndrom und kardiovaskuläre Erkrankungen auf komplexe Weise zusammenspielen.

Der gemeinsame Nenner dieser Erkrankungen sind hormonähnliche Botenstoffe, etwa Adipokine, Myokine und Zytokine, die von Gelenkgewebe, Muskeln und Fett in das Blut abgegeben werden und Entzündungsprozesse und Knorpeldegeneration begünstigen.

Es gilt nach wie vor eine Herausforderung, Arthrose gelenkserhaltend zu behandeln. Vor kurzem wurde ein entscheidender Schritt unternommen und die verschiedenen Erscheinungsbilder von Arthrose beschrieben. Die Osteoarthritis Research Society International (OARSI) hat außerdem Richtlinien für die nichtoperative Behandlung veröffentlicht.

Das Neuartige daran ist,  dass sie unterschiedliche Empfehlungen je nach klinischer Subkategorie enthalten, etwa ob bei einer Knie-Arthrose Begleiterkrankungen vorliegen oder nicht.

Die Schlüsselbehandlungen, die aber für alle Patienten und Patientinnen passend sind, umfassen Gymnastik und Wassergymnastik, Gewichtskontrolle, Krafttraining und Schulungen.

Medikamente bei Gelenkschmerz  gezielt einsetzen

Ziel muss bei Gelenkschmerzen unterschiedlichster Ursache sein – da sind die Experten einig – die Vermeidung einer Schmerzchronifizerung. Das Risiko dafür ist hoch: Bei Arthrose etwa suchen viele Patienten erst nach beträchtlicher Zeit ärztliche Hilfe.

66 Prozent versuchen mit nicht verschreibungspflichtigen Nahrungsmittelzusätzen und Medikamenten eine Besserung herbeizuführen, 41 Prozent der Patienten haben zumindest ein Jahr vor der Diagnose bereits Gelenkschmerzen.

So unterschiedlich die Ursachen und Manifestationen von Gelenkschmerzen, so breit ist auch die Palette der verfügbaren Therapien.

Wärme- und Kälteanwendung, Elektrotherapien, Bewegungsstrategien, Krafttraining oder Gewichtsverlust gehören zu den wichtigen nichtmedikamentösen Behandlungsansätzen.

Was die medikamentöse Therapie von Gelenkschmerzen betrifft, setzt sich zunehmend ein neuer Ansatz durch – nämlich eine an den Mechanismen der jeweiligen schmerzhaften Manifestation orientierte Auswahl der Substanzen.

Herkömmlicherweise hatte man auch bei Gelenkschmerzen die Therapie in Anlehnung  an das WHO-Stufenschema an der Schmerzstärke orientiert – mit Nicht-Opioid-Analgetika und entzündungshemmenden Medikamenten (NSAR) bei milden, schwach wirksamen Opioiden bei mittelstarken und stark wirksamen Opioiden bei starken Schmerzen.

Neuerdings setzt sich aber immer mehr der Ansatz durch, die Wahl der Therapie am Mechanismus, der den jeweiligen Beschwerden zugrunde liegt, sowie am Target des jeweiligen Medikaments zu orientieren.

Für Gelenkschmerzen bedeutet das, dass nozizeptive entzündliche Schmerzen zum Beispiel in der Regel mit entzündungshemmenden Substanzen wie NSAR oder Steroiden behandelt werden sollten.

Nicht-entzündliche nozizeptive Schmerzen mit Opioid- und Nichtopioid-Analgetika, neuropathische Schmerzen mit Antidepressiva oder Antikonvulsiva. Oder verschiedene rheumatische Erkrankungsformen mit monoklonalen Antikörpern.

„Das ist ein Fortschritt, weil damit näher an den Bedürfnissen des Patienten therapiert werden kann als mit den herkömmlichen Eskalationsstrategien von schwächeren zu stärkeren Medikamenten.“

Arthrose und Gelenkschmerzen: Unterbehandlung verbreitet

Dass in vielen Fällen bei Patienten mit Gelenkschmerzen die verfügbaren medikamentösen schmerztherapeutischen Optionen nicht ausgeschöpft werden, hängt unter anderem mit der Sorgen über unerwünschte Wirkungen – insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten – zusammen.

Doch es gab in jüngerer Zeit eine Reihe von Verbesserungen: Neue Opioide können beispielsweise nachhaltige Erfolge erzielen bei geringeren gastrointestinale oder kognitiven Beeinträchtigungen und einem geringeren Abhängigkeitsrisiko.

Es hat sich gezeigt, dass sich durch eine lokale Verabreichung von Schmerzmitteln Nebenwirkungen reduziert werden können. Erst jüngst veröffentliche Verfahren über Antikörper, die Nervenwachstumsfaktoren blockieren, zeigen auch das Potenzial von biologischen Therapien auch bei Arthrose:

Sie zielen auf periphere Schmerzmechanismen und dringen kaum in das Zentralnervensystem. Damit gehören Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit oder Übelkeit der Vergangenheit an. Prof. Morlion fordert:

Schmerzen sollten jedenfalls in einem früheren Stadium behandelt werden, weil wir jetzt auch schneller die Ursache herausfinden können.

 

Mein Tipp: Im Rahmen des Europäischen Jahr gegen den Gelenkschmerz haben sich Experten mit dem Thema Gelenkschmerz Mythen und Fakten auseinandergesetzt.

Hinweis: Die hier geteilten Informationen sollen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz beitragen, ersetzen aber in keinem Fall die ärztliche Diagnose, Beratung und Behandlung.

Foto: Fotolia

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