Künstliche Gelenke und Endoprothetik
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Künstliche Gelenke und Endoprothetik: Interview Prof. Reinhard Windhager

Künstliche Gelenke und Endoprothetik: Prof. Reinhard Windhager, Leiter der Orthopädie MedUni Wien, über Fallzahlen, Kriterien und bewährte Behandlungsmethoden von Arthrose.

Künstliche Gelenke und Endoprothetik. Das ist eine wesentliche Kompetenz der Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie der Medizinischen Universität Wien am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien – diese versteht sich nämlich als universitäres Zentrum zur Diagnose und Therapie und Prävention von angeborenen und erworbenen Erkrankungen des Bewegungsapparates.

Univ.-Prof. Dr. Reinhard Windhager, der die Universitätsklinik für Orthopädie seit 2010 leitet, hat sich bereit erklärt, für Österreichs Arthrose & Lifestyle Blog Tirolturtle Fragen zum Thema:

  • künstliche Gelenken und Endoprothetik
  • Fallzahlen
  • Endoprothesenregister
  • Behandlungsmethoden
  • Indikationen für eine künstliches Gelenk
  • Nachsorge nach Gelenk-OP
  • und mehr zu beanworten,

 

Künstliche Gelenke und Endoprothetik: Interview mit Univ.-Prof. Dr. Reinhard Windhager

Sie leiten die Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie der MedUni Wien am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien. Wie ist diese strukturiert?

Die Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie wurde im Jahr 2018 durch Zusammenführung der früheren getrennten Kliniken für Orthopädie und Unfallchirurgie gegründet. Sie besteht als strukturierte Klinik aus den Klinischen Abteilungen für Orthopädie und Unfallchirurgie. Die Zusammenführung trägt der Änderung der Ausbildungsordnung Rechnung, indem es nicht mehr einen Facharzt für Orthopädie oder Unfallchirurgie, sondern nur für Orthopädie und Traumatologie gibt.

Was sind die Schwerpunkte an der Universitätsklinik für Orthopädie?

Die Schwerpunkte der einzelnen klinischen Abteilungen entsprechen weiterhin den früher gewachsenen Klinikstrukturen mit Fokussierung auf Erkrankungen des muskuloskelettalen Systems auf degenerativer, entzündlicher (rheumatoider) oder neoplastischer Basis im Falle der Orthopädie und Akutversorgung von Verletzungen des muskuloskelettalen Systems mit Schwerpunkt Polytraumaversorgung bei der Unfallchirurgie.

Wie wirkt sich die Struktur auf die Patienten aus?

Aufgrund dieser Klinikstruktur sind die Patientenströme unverändert wie früher, die Patientenversorgung wird jedoch durch die zunehmende klinische Interaktion kontinuierlich verbessert. Für Forschung und Lehre wurden bereits übergreifende Strukturen gebildet, die einerseits kompakte Wissensvermittlung garantiert und andererseits eine Fokussierung der Forschung mit dem „besten aus beiden Welten“ bewirkt.

Ihre Abteilung ist die erste Orthopädie Österreichs, die die Zertifizierung zum Endoprothetikzentrum mit Maximalversorgung durchgeführt hat. Wie wichtig ist ein solcher Schritt? 

Die Zertifizierung der endoprothetischen Versorgung hat einen deutlichen Qualitätsschub gebracht und garantiert die Erfüllung hoher Qualitätsstandards durch Bündelung von Expertise und klar dokumentierter Behandlungspfade. Der Patient kann darauf vertrauen, dass die Operationen nur von Kollegen durchgeführt werden, die eine Mindestanzahl an Prothesenimplantationen pro Jahr durchführen.

Wie hoch ist diese Zahl?

So müssen Hauptoperateure zumindest 50 und Senior Hauptoperateure zumindest 100 Operationen an dieser Institution absolvieren. Alle anderen Operationen und die, die zu Ausbildungszwecken durchgeführt werden, müssen unter Beisein eines Haupt-, oder Senior Hauptoperateurs erfolgen.

Was kann der Patient aus diesen Zahlen ablesen bzw. welche Qualitätskriterien sind damit gewährleistet.

Somit ist nicht die Gesamtzahl der endoprothetischen Eingriffe pro Abteilung entscheidend, sondern von wie vielen Operateuren sie durchgeführt werden, die durch ihre Mindestmenge die Qualität garantieren. Leider ist in Österreich die Durchdringung mit zertifizierten Zentren noch sehr gering, ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo bereits mehr als 400 Zentren bestehen.
Einschränkend muss gesagt werden, dass diese Zertifizierung nur für elektive Eingriffe gilt und Akutversorgungen, wie sie in der Unfallchirurgie durchgeführt werden, hierbei nicht einfließen.

 

Künstliche Gelenke und Endoprothetik: Fortschritte erzielt

In welcher Form nimmt die Orthopädie der Meduni Wien an der Endocert-Initiative der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) bzw. am Deutschen Endoprothesen-Register teil?

Die Daten werden in verschlüsselter Form an Endocert weitergegeben, um einen Vergleich mit anderen Kliniken zu haben. Die Einbringung von Daten in das deutsche Endoprothesenregister ist nicht möglich, da für das deutsche Register noch Produktdaten aus anderen Datenquellen einfließen, die von Österreich nicht beigesteuert werden können.

Gibt es zum Deutschen Endoprothesen-Register ein österreichisches Pendant und wenn ja, welche Daten werden erhoben?

Ein österreichisches Pendant zum deutschen Endoprothesenregister ist das A-IQI-System, das vom Gesundheitsministerium gemeinsam mit den Gesellschaften für Orthopädie und Unfallchirurgie entwickelt wurde und durch Verschlüsselung von Diagnose und Leistungscodes auf Basis des europäischen Endoprothesenregisters praktisch alle Eingriffe, die in Österreich durchgeführt werden in Bezug auf Diagnose, Therapie und vor allem Komplikationen sowie Reoperationen gewährleistet.

Werden die erhobenen Daten für Qualitäts-Checks genutzt und Behandlungsergebnisse überprüft?

Nach jährlicher Auswertung werden sogenannte Ausreißer, d.h. Abteilungen, die ein überdurchschnittliches Aufkommen von Komplikationen aufweisen, einem Peer Review Verfahren zugeführt, bei dem durch eine Expertengruppe vor Ort eine Überprüfung der auffälligen Fälle bzw. der Qualitätsstandard erfolgt. Leider gewährleistet diese Art von Register keine Analyse von Produktdaten, um unmittelbare Rückschlüsse über die Haltbarkeit einzelner Produkte zu erlangen.

Welche konservativen Behandlungen bietet die Orthopädie des AKH-Wien für Arthrose-Patienten an?

Konservative Behandlungen für Arthrosepatienten werden nicht nur an der Orthopädie im AKH angeboten, sondern im Besonderen an der Universitätsklinik für Physikalische Medizin, wo neben physiotherapeutischen Methoden, unterschiedliche Stromapplikationen, Ultraschall und Magnetfeldtherapien angeboten werden. Sehr moderne Verfahren, wie die Applikation von Blutprodukten oder Stammzellen werden zwar eingesetzt, aber einer laufenden kritischen Evaluierung unterzogen.

Wo liegt der Fokus bei den operativen Behandlungsmöglichkeiten?

Im operativen Bereich ist es vor allem die primäre Endoprothetik mit Fokussierung auf neue Operationsmethoden unter größtmöglicher Individualisierung von Methoden und Implantaten, sowie die Revisionschirurgie bei Implantatversagen oder periprothetischer Infektion, die sicherlich die größte Belastung für die Patienten und das Gesundheitssystem darstellt.

Was sind bewährte konservative Methoden in der Behandlung von Arthrose?

Bewährt hat sich in der Behandlung der Arthrose die Bewegungstherapie, die die Basis jeder polypragmatischen Behandlungsweise darstellt. Je nach Arthrosestadium kommen Kälte und Wärme zur Anwendung sowie Strom- und Ultraschallbehandlungen sowie der Einsatz von Bandagen und Orthesen, wobei erstere durch Erhöhung der Propriozeption (Tiefensensibilität) wirksam ist. Im medikamentösen Bereich sind es eine Vielzahl von entzündungshemmenden und schmerzstillenden Medikationen, die für die akute Phase in Frage kommen.

Wo sehen Sie weniger Potential?

Für die Langzeitbehandlung gibt es eine unübersehbare Anzahl an sogenannten Nahrungsergänzungsmitteln, deren Wirkung limitiert und individuell unterschiedlich effizient ist. Das gleiche gilt natürlich auch für zahlreiche Produkte pflanzlicher oder tierischer Herkunft.
Zurückhaltend bin ich bei der Ankündigung von vielversprechenden Methoden, da diese zu früh vor exakter Analyse der Wirkungseffizienz hinausgetragen und falsche Erwartungen geschürt werden.

 

Künstliche Gelenke und Endoprothetik: Zugangswege und Techniken

Welche Fortschritte hat die Endoprothetik gemacht?

Die Fortschritte der letzten Jahre waren einerseits bedingt durch Verbesserung der Implantate sowohl für Knie-, als auch Hüftgelenksersatz basierend auf jahrelangen systematischen Analysen von Versagensmechanismen anhand großer Datenmengen wie den Endoprothesenregistern. Wesentliche Verbesserungen ergaben sich aber auch bei den Zugangswegen, den schonenden Operationstechniken und der Verbesserung von Instrumentarien für die Implantation der Prothesenkomponenten.

Welche Faktoren haben noch zum Fortschritt beigetragen?

Auch das perioperative Management beginnend mit Vorbereitung der Patienten, systematischer Schmerztherapie und früh funktioneller Nachbehandlung haben wesentlich zum Erfolg der letzten Jahre beigetragen. Getriggert wurde die Entwicklung durch die steigende Erwartungshaltung der Patienten mit der notwendigen Individualisierung von Operationen und perioperativem Management.

In Österreich werden ca. 40.000 künstliche Knie- und Hüftgelenke pro Jahr eingesetzt? Ist die Zahl zu hoch?

Bei der Anzahl an endoprothetischen Versorgungen liegen wir sicherlich gemeinsam mit der Schweiz und Deutschland im Spitzenfeld der europäischen Union, sodass man sich auch fragen muss, ob die Zahl in Deutschland oder in der Schweiz zu hoch ist. Da auch nicht davon auszugehen ist, dass in diesen Ländern die Arthroseninzidenz höher ist oder die Patienten „über die Gebühr“ versorgt werden, ist anzunehmen, dass der hohe Stand der endoprothetischen Versorgung gemeinsam mit dem uneingeschränkten Zugang zur medizinischen Versorgung in diesen Ländern und eine der erfolgreichsten Operationen des 20. Jahrhunderts (Kosten versus Gewinn an Lebensqualitätsjahren) diesen Höhenflug bewerkstelligt hat.

Wird es eine Trendumkehr geben in absehbarer Zeit?

Eine Gegenbewegung ist mit Sicherheit zu erwarten, wenn effizientere konservative Maßnahmen für die Behandlung zur Verfügung stehen, wobei dies sicherlich nicht für das Endstadium der Arthrose in naher Zukunft in Aussicht ist. Somit wird mit der Überalterung der Bevölkerung in den nächsten Jahren, zumindest in Europa, die Anzahl der endoprothetischen Versorgungen nicht rückläufig sein.

 

Künstliche Gelenke und Endoprothetik: Indikation und Kriterien für Gelenkersatz

Welche Indikation sollte für dein Einbau eines künstliches Knie- oder Hüftgelenk gegeben sein?

Neben einer genauen Analyse der Schmerzursache respektive des Ausschlusses eines anderen Grundes, wie eine periartikuläre Pathologie, bedingt durch Sehnen oder Bänder, ist die Indikation bei zunehmender Funktionseinschränkung und Beeinträchtigung im Alltag gegeben, sofern der Patient dies als änderungswürdig betrachtet und seinen Zustand durch einen operativen Eingriff verbessern möchte.

Welche weiteren Kriterien sprechen für den Gelenkersatz?

Neben der Bewegungseinschränkung des betroffenen Gelenkes ist die Gehleistung ein wesentliches Entscheidungskriterium, wobei hier ca. eine Stunde als Richtwert gesehen werden kann. Schließlich ist noch der Abbau der regionalen Muskulatur zu berücksichtigen, der einerseits durch den Schmerz, andererseits den Bewegungsmangel und die Schonung bedingt wird. Je fortgeschrittener der Muskelabbau, umso länger wird die postoperative Phase des Wiederaufbaues dauern.

Welche Informationen und Nachsorge erhalten Patienten am Endoprothetikzentrum des AKH-Wien?

Die Patienten werden bei Erstvorstellung bzw. bei Indikationsstellung zur Operation ausführlich über die Erfolgsaussichten, die Risiken und Gefahren, sowie den perioperativen Verlauf aufgeklärt. Zur Unterstützung erhalten die Patienten eine Broschüre, die diesen Ablauf vor, während und nach der Operation genau beschreibt. Für die Aufklärung über Operationsrisiken stehen eigene Aufklärungsbögen, die mit den Patienten ausführlich erörtert werden, zur Verfügung.

Was passiert nach der Entlassung?

Nach der Entlassung werden Kontrollen, entweder zur Überprüfung der Wundheilung oder aber des Mobilisierungsgrades durchgeführt. Nach der frühen postoperativen Phase werden regelmäßige Röntgenkontrollen, zuerst ein Jahr nach dem Eingriff und anschließend in zwei- bis dreijährlichen Abständen geplant.

Reha nach der OP, stationär oder ambulant?

Entscheidend ist die Fortführung der stationär begonnenen Mobilisierung und Heilgymnastik, die sowohl ambulant als auch stationär in Anspruch genommen werden kann. Durch die Weiterentwicklung der Operationstechniken und Zunahme der minimalinvasiven Zugänge sowie des optimierten perioperativen Managements ist ein stationärer Aufenthalt nicht zwingend erforderlich, soferne die Patienten in häuslicher Umgebung zurecht kommen und konsequent unter physiotherapeutischer Anleitung üben.

Inwieweit glauben Sie persönlich, dass durch die Veränderung des Lebensstils ein künstliches Gelenk hinausgezögert oder gar vermieden werden kann?

Ich bin davon überzeugt, dass für gewisse Arthroseverläufe und im besonderen für das Kniegelenk durch Lebensstiländerungen deutliche Verzögerungen der endoprothetischen Versorgung herbeigeführt werden können. Aufgrund der Datenlage kann davon ausgegangen werden, dass das Körpergewicht für das Kniegelenk eine wesentliche Rolle spielt ebenso wie eingeschränkte Mobilität.

Arthrose in den Händen, Großgrundzehengelenk oder im Sprunggelenk …. Wie ist dazu das Angebot an der Orthopädie am AKH-Wien?

Wir haben uns bemüht, durch Differenzierung und Spezialisierung den Fokus auch auf andere anatomische Regionen zu legen. So ist die Hand- und Fußambulanz speziell den degenerativen Veränderungen dieser Regionen gewidmet und steht nach fachärztlicher Zuweisung jederzeit zur Verfügung. Auch in den Bundesländern werden zumindest in Schwerpunktkrankenhäusern, auch in besonderen Universitätskliniken einschlägigen Ambulanzen vorgehalten.

Zur Frage „Kann Knorpel nachwachsen?“ gibt es gegenteilige Meinungen. Wie ist der Stand aus Ihrer Sicht?

Es ist nach wie vor richtig, dass mit zunehmendem Alter die biologische Regenerationsfähigkeit die auch für eine Knorpelzelltransplantation erforderlich ist, abnimmt, sodass als Schwellenwert 45 Jahre vorbehaltlich des biologischen Alters herangezogen werden kann. In nahezu allen Fällen ist nach dem 50. Lebensjahr eine Knorpelzelltransplantation eigentlich nicht mehr sinnvoll, wenngleich eigene experimentelle Untersuchungen die Hoffnung nahe legen, dass auch bei einem schon degenerativ veränderten Gelenk Erfolge zu erzielen wären. Zum jetzigen Zeitpunkt ist eine Übertragung experimenteller Ergebnisse auf die Anwendung am Menschen sicherlich nicht gerechtfertigt.

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Reinhard Windhager ist Leiter der Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie MedUni Wien/AKH Wien.
Seine Spezialgebiete sind Endoprothetik, Tumororthopädie und Knochenregeneration. Werdegang: 1984 Univ. Klinik f. Orthopädie, Wien, 1991 Leitung des Tumordepartments. 1997 Leitung der Klin. Abt. f. Orthopädie, Univ. Klinik Graz. 2001 Errichtung der Univ. Klinik für Orthopädie an der Med Uni Graz. 2010 Leiter der Univ. Klinik f. Orthopädie, MedUni Wien. Seit 2018 Leiter der Univ. Klinik f. Orthopädie und Unfallchirurgie, MedUni Wien. 2014/15 Präsident der ISOLS (Inter. Society of Limb Salvage). 2017 Präsident der Österr. Gesell. f. Chirurgie. Veröffentlichung von mehr als 400 Publikationen.

Mein Tipp: Auf meinem Blog findest du weitere Experten-Interviews, etwas das Interview über die Arthrose Forschung in Österreich mit Prof. Dr. Stefan Tögel oder das Interview mit Hüftspezialist Dr. Jochen Hofstätter u.a. zum Thema Endoprothesenregister Österreich.

Hier findest du eine Übersicht über alle meine Arthrose Experten Interviews.

Hinweis: Die hier geteilten Informationen sollen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz beitragen, ersetzen aber in keinem Fall die ärztliche Diagnose, Beratung und Behandlung.

Foto: Beigestellt von der Universitätsklinik für Orthopädie der MedUni Wien/AKH Wien

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