Zuletzt aktualisiert am 4. August 2025 von tirolturtle
Neue Materialien machen künstliche Gelenke belastbarer und langlebiger. Was Patienten über Titan, Keramik, HXPE & Co. wissen sollten.
Moderne künstliche Gelenke sind robuster, langlebiger und besser verträglich als frühere Modelle. Das liegt vor allem an neuen Materialien und Beschichtungen, die weniger Abrieb verursachen, gut im Knochen einwachsen und auch unter hoher Belastung stabil bleiben.
Ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen, Materialkombinationen und Empfehlungen – verständlich erklärt und mit besonderem Blick auf die Situation in Österreich.
Warum das Material eine zentrale Rolle spielt
Die Haltbarkeit und Funktion eines künstlichen Gelenks hängen wesentlich vom verwendeten Material ab. Es entscheidet mit darüber, wie gut das Implantat im Körper verankert werden kann, wie gering der Abrieb im Alltag ist und ob das neue Gelenk auch langfristig stabil bleibt.
Während früher häufig empfohlen wurde, das neue Gelenk eher zu schonen, gilt heute das Gegenteil: Bewegung ist wichtig und moderne Materialien machen dies möglich. Vorausgesetzt, sie sind auf die individuelle Situation abgestimmt.
Welche Materialien kommen heute zum Einsatz?
In der Endoprothetik – also dem Einsatz künstlicher Gelenke – haben sich vor allem drei Materialgruppen bewährt:
• Titanlegierungen: leicht, stabil, sehr gut verträglich; häufig für Schaft- und Pfannenteile verwendet
• Kobalt-Chrom-Legierungen: besonders belastbar, z. B. bei Knieprothesen
• Keramik: abriebfest, langlebig, ideal bei jüngeren oder sportlich aktiven Patienten
• Polyethylen: insbesondere HXPE (hochvernetztes Polyethylen) reduziert den Abrieb deutlich; mit Vitamin E stabilisiert besonders haltbar
Wovon hängt die Materialwahl ab?
Die Entscheidung über die geeignete Materialkombination wird individuell getroffen – abhängig von:
• Alter, Knochenstruktur und Gesundheitszustand
• Geplanten Belastungen im Alltag oder bei Sport
• Voroperationen, Allergien oder Implantatverträglichkeit
Häufig verwendete Kombinationen sind z. B. Keramikkopf und HXPE-Pfanne – sie gelten als besonders abriebarm und langzeitstabil.
Bewegung mit künstlichem Gelenk – was ist möglich?
Früher lautete der Rat oft: Schonung. Heute ist klar: Wer ein künstliches Gelenk bekommt, soll es bewegen – angepasst, aber regelmäßig. Moderne Materialien machen dies möglich. Geeignet sind etwa Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking oder Wandern.
Hoch belastende Sportarten wie Skifahren oder Tennis sollten individuell ärztlich besprochen werden.
Laut der AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik – sind tägliche Bewegungen ausdrücklich erwünscht. Die verwendeten Implantate halten in der Regel auch langfristiger Belastung stand, wenn sie richtig gewählt wurden.
Situation in Österreich
Auch in Österreich werden moderne Materialien standardmäßig eingesetzt. Die Auswahl der Implantate und der Verankerungstechniken erfolgt individuell – basierend auf denselben Kriterien wie in Deutschland oder der Schweiz.
Ein zentrales Thema ist das Endoprothesenregister: Während Deutschland mit dem EPRD bereits über umfassende Langzeitdaten verfügt, wird in Österreich derzeit das EAR-System weiterentwickelt. Einige Kliniken melden bereits freiwillig ihre Daten. Zertifizierte Endoprothetikzentren nach dem EndoCert-System bieten zusätzliche Orientierung – auch in Österreich.
Eine gezielte Suche nach solchen Zentren ist auf www.endomap.de möglich.
Neue Konzepte im Überblick
Die Entwicklung geht über das Material hinaus – moderne Implantate werden immer individueller, besser angepasst und technisch durchdachter.
Beispiele:
• ARTIQO A2® Kurzschaftprothese – zementfrei, gelenkschonend, für schwierige Knochensubstanz geeignet
• Conformis Knieprothese – personalisiert nach 3D-Scan, verbessert subjektives Bewegungsempfinden
• TARIC® Sprunggelenk – abriebfeste Gleitfläche mit keramischer Komponente
Keramik statt Metall: Neue Wege in der Hüftversorgung
Ein besonders spannendes Beispiel für neue Materialanwendungen ist die ReCerf®-Prothese von MatOrtho: Dabei handelt es sich um die weltweit erste vollständig keramische Hüft-Resurfacing-Endoprothese.
Das System erhielt 2024 die CE-Zertifizierung sowie die Zulassung der australischen TGA – bei inzwischen mehr als 1.600 implantierten Fällen ohne schwerwiegende Komplikationen.
Anders als bei klassischen Totalendoprothesen bleibt beim Resurfacing ein Großteil des Oberschenkelknochens erhalten. Bisherige Systeme setzten meist auf Metall. ReCerf® zeigt: Auch in diesem Bereich könnten Keramiken die Zukunft mitgestalten.
Ein weiteres Beispiel ist das H1-Implantat von Embody Orthopaedic, das speziell für die Hüftanatomie von Frauen entwickelt wurde. Es besteht aus Keramik und soll eine Resurfacing-Operation auch bei weiblichen Patienten sicher ermöglichen. Klinische Studien zeigen gute Ergebnisse bei früher Rückkehr zur Bewegung.
Marktentwicklung & Zukunftsperspektiven
Der weltweite Markt für Hüft- und Knieimplantate wächst – und mit ihm auch der Innovationsdruck. Neue Materialien, robotergestützte Operationstechniken, 3D-Druck, antibakterielle Beschichtungen oder personalisierte Systeme gewinnen an Bedeutung.
Internationale Hersteller wie Zimmer Biomet, Stryker, Smith+Nephew oder Medacta investieren zunehmend in zementfreie Technologien, Reverse-Hip-Konzepte, Revisionslösungen und intelligente OP-Planung. Auch neue Anbieter – etwa Enovis oder JointMedica – treiben den Wandel voran.
Gemeinsam entscheiden – und gezielt informieren
Gerade bei der Wahl des Implantatsmaterials hilft eine gute Vorbereitung:
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Welche Belastungen sind gewünscht?
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Welche Materialien stehen zur Verfügung?
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Welche Erfahrungen gibt es dazu?
Weitere Informationen und Erfahrungsberichte findest du auch im Arthrose Magazin:
Austausch und Tipps von anderen Betroffenen gibt es auch in der Facebookgruppe
TEPFIT – Fit mit künstlichen Gelenken.
Hinweis: Die hier geteilten Informationen sollen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz beitragen, ersetzen aber in keinem Fall die ärztliche Diagnose, Beratung und Behandlung.
Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin & Herausgeberin des Arthrose Magazins
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