Eine Manipulation unter Narkose soll die Beweglichkeit eines steifen Knies verbessern. Doch bei Arthrofibrose kann der Eingriff auch Risiken mit sich bringen.
Wenn ein Knie nach einer Operation steif bleibt, wird häufig eine sogenannte Manipulation unter Narkose (Manipulation under Anaesthesia, MUA) vorgeschlagen. Dabei wird das Gelenk in Narkose mit Kraft bewegt, um Narbengewebe aufzureißen und die Beweglichkeit zu verbessern.
Infobox: MUA steht für Manipulation under Anaesthesia – auf Deutsch: Manipulation unter Narkose
Dabei wird das Kniegelenk während einer Narkose mit Kraft bewegt, um Narbengewebe zu lösen und die Beweglichkeit zu verbessern. Das Verfahren wird manchmal empfohlen, wenn sich das Knie nach einer Operation nicht ausreichend bewegen lässt. Ziel ist es, Verklebungen im Gelenk aufzubrechen und so den Bewegungsumfang zu vergrößern. Gleichzeitig wird die Methode in der Fachwelt zunehmend diskutiert. Kritiker weisen darauf hin, dass bei der Manipulation nicht nur Narbengewebe betroffen sein kann, sondern auch andere Strukturen im Gelenk belastet werden – etwa Sehnen, Bänder oder Blutgefäße.
Gerade bei Arthrofibrose, einer Störung der Wundheilung mit übermäßiger Narbenbildung, kann eine Manipulation unter Umständen neue Entzündungsreaktionen auslösen und damit die Bildung weiteren Narbengewebes fördern.
Das Verfahren wird in der Orthopädie seit vielen Jahren eingesetzt – etwa nach Knieoperationen oder auch nach einer Knieprothese. Gleichzeitig wird die Methode zunehmend kritisch diskutiert. Denn während manche Patientinnen und Patienten tatsächlich eine Verbesserung der Beweglichkeit erleben, berichten andere von anhaltenden Schmerzen, neuen Verletzungen oder einer raschen Rückkehr der Bewegungseinschränkung.
Infobox: Was ist Arthrofibrose?
Arthrofibrose ist eine Störung der Wundheilung in einem Gelenk. Nach einer Operation oder Verletzung bildet der Körper normalerweise Narbengewebe, das mit der Zeit wieder zurückgeht. Bei Arthrofibrose gerät dieser Heilungsprozess jedoch aus dem Gleichgewicht.
Entzündungs- und Narbenbildungsprozesse bleiben aktiv, wodurch sich im Gelenk immer mehr Bindegewebe und Verklebungen bilden können. Typische Folgen sind Schmerzen, Schwellungen und eine zunehmende Einschränkung der Beweglichkeit.
Arthrofibrose tritt besonders häufig nach Knieoperationen auf – etwa nach Kreuzbandoperationen oder nach dem Einsatz einer Knieprothese. Die Behandlung ist oft komplex und erfordert eine sorgfältige Analyse der Ursachen sowie eine möglichst schonende Therapie. Mehr Infos auf www.arthrofibrose.at
Gerade bei Arthrofibrose, einer Störung der Wundheilung mit übermäßiger Narbenbildung im Gelenk, stellt sich daher eine wichtige Frage:
Kann eine Manipulation unter Narkose wirklich helfen – oder kann sie die Situation sogar verschlechtern?
Mit dieser Frage beschäftigt sich ein aktuelles Interview der International Arthrofibrosis Association (IAA). Darin spricht Gründerin Kayley Usher, PhD, mit dem österreichischen Orthopäden Priv.-Doz. Dr. Ralf Rosenberger, Praxis OrthoUnfall Tirol, der sich seit vielen Jahren mit Arthrofibrose und komplexen Problemen des Kniegelenks beschäftigt.
Im Gespräch beschreibt Dr. Rosenberger unter anderem, was bei einer Manipulation im Knie tatsächlich passiert. Während des Eingriffs wird das Gelenk mit Kraft bewegt, um Narbengewebe zu zerreißen – ein Vorgang, bei dem der Operateur laut seinen Aussagen oft sogar spüren oder hören kann, wie das Gewebe nachgibt.
Genau darin liegt aus seiner Sicht ein zentrales Problem: Die Kräfte wirken nicht nur auf Narbengewebe, sondern auch auf andere Strukturen des Kniegelenks wie Sehnen, Bänder, Nerven, Blutgefäße oder sogar Knochen.
In seiner klinischen Erfahrung hat Dr. Rosenberger deshalb bereits verschiedene Komplikationen nach Manipulationen gesehen, darunter Verletzungen von Sehnen, Ausrisse von Bändern oder stärkere Schmerzen und Bewegungseinschränkungen als vor dem Eingriff.
Besonders kritisch kann eine Manipulation zudem bei Patientinnen und Patienten mit einer Knieprothese sein. Bestimmte Implantatkomponenten können zusätzliche Belastungen erzeugen, wodurch das Risiko für Komplikationen oder sogar Frakturen steigen kann.
Ein weiterer Aspekt betrifft die biologischen Prozesse bei Arthrofibrose. Da es sich um eine Störung der Wundheilung handelt, bei der Entzündungs- und Narbenbildungsprozesse nicht richtig zur Ruhe kommen, kann eine Manipulation im Gelenk eine neue Verletzung mit Blutung auslösen – und damit genau jene Prozesse verstärken, die zur Bildung von weiterem Narbengewebe führen.
Der folgende Text ist eine deutsche Übersetzung eines Interviews, das ursprünglich auf der Website der International Arthrofibrosis Association veröffentlicht wurde.
Was ist eine Manipulation unter Narkose?
Manipulation unter Narkose, meist als MUA (Manipulation Under Anaesthesia) bezeichnet, ist häufig die erste Intervention, die Patientinnen und Patienten mit einem steifen Knie nach einer Operation empfohlen wird. Doch was genau beinhaltet dieses Verfahren – und welche Risiken bestehen?
In unserem neuesten Interview spricht IAA-Gründerin Kayley Usher, PhD mit dem österreichischen Orthopäden Priv.-Doz. Dr. Ralf Rosenberger, einem orthopädischen Chirurgen in Österreich, der sich auf Arthrofibrose und Revisionseingriffe am Knie spezialisiert hat, darüber, warum Betroffene sorgfältig überlegen sollten, bevor sie einer Manipulation zustimmen.
Die Risiken der Narkosemobilisation
Dr. Rosenberger führt selbst keine Manipulationen durch, und seine Begründung ist klar: Das Zerreißen von Gewebe während einer MUA erfolgt unspezifisch und unkontrolliert. Wenn Kraft eingesetzt wird, um Narbengewebe zu durchbrechen, wirkt diese Kraft auch auf alle Strukturen, die mit diesem Narbengewebe verbunden sind – darunter Sehnen, Nerven, Blutgefäße und sogar Knochen.
Zu den Komplikationen, die er persönlich beobachtet hat, gehören Läsionen der Patellarsehne und der Quadrizepssehne, Ausrisse von Bändern und der Gelenkkapsel, Blutungen sowie in vielen Fällen mehr Schmerzen und weniger Beweglichkeit als vor dem Eingriff.
Das Risiko ist noch größer bei Patientinnen und Patienten mit einer Knieprothese. Der Metallstiel der tibialen Komponente erzeugt an bestimmten Stellen zusätzliche Belastung und erhöht dadurch das Risiko für Frakturen. Dieses Risiko steigt zusätzlich bei Menschen mit Osteoporose oder Osteopenie infolge von Inaktivität, was bei Personen mit Arthrofibrose häufig vorkommt.
Warum wiederholte Manipulationen keine Lösung sind
Die IAA hört regelmäßig von Patientinnen und Patienten, die mehrere MUAs hinter sich haben. Dr. Rosenbergers Einschätzung ist eindeutig: Wenn bereits die erste Manipulation keinen Erfolg hatte – warum sollte dann eine zweite oder dritte zu einem besseren Ergebnis führen?
Tatsächlich steigt das Risiko mit jeder weiteren Manipulation. Strukturen, die bei einem früheren Eingriff möglicherweise bereits geringfügig geschädigt wurden, werden dadurch noch anfälliger für Risse oder Rupturen.
Warum eine Manipulation das Knie erneut reizen kann
Kayley Usher erklärt im Interview auch die biologischen Hintergründe dafür, warum Manipulationen häufig scheitern.
Arthrofibrose ist eine Störung der Heilungsregulation: Die entzündlichen und heilungsbezogenen Reaktionen des Körpers schalten sich nicht wie vorgesehen wieder ab.
Eine Manipulation erzeugt im Knie eine neue Wunde, verbunden mit einer erheblichen Blutung, die weder verödet noch kontrolliert wird. Diese Blutung ist ein starker Auslöser für zusätzliche Entzündungsreaktionen. Diese wiederum führen zu mehr Narbengewebe, mehr Verklebungen und weiteren Kontrakturen.
Das Ergebnis ist, dass viele Patientinnen und Patienten den während der Manipulation gewonnenen Bewegungsumfang rasch wieder verlieren – und manche danach sogar schlechter gestellt sind als zuvor.
Hier besteht ein wesentlicher Unterschied zur operativen Arthrolyse. Bei einer arthroskopischen Arthrolyse durchtrennt ein erfahrener Chirurg das Narbengewebe gezielt und verödet gleichzeitig blutende Gefäße, bevor die Wunde geschlossen wird. Dieses kontrollierte Vorgehen reduziert die Entzündungsreaktion deutlich im Vergleich zu den unkontrollierten Geweberissen und Blutungen bei einer Manipulation.
Warum eine genaue Analyse des Knies wichtig ist
Dr. Rosenberger betont, dass bei jeder Patientin und jedem Patienten mit Arthrofibrose vor einem Eingriff eine gründliche Analyse erforderlich ist.
Bei Patientinnen und Patienten mit Knieprothese bedeutet dies eine präzise Beurteilung der Implantatposition, einschließlich des anterioren und posterioren Offsets des Femurs, der Rotation der femoralen und tibialen Komponenten, der Höhe der Gelenklinie sowie der gesamten Beinachse.
Ist die Implantatposition ungünstig, kann weder eine Manipulation noch eine Arthrolyse das Problem lösen. In solchen Fällen muss zunächst die Implantatposition korrigiert werden.
Infobox: Studie zu Erfahrungen mit Manipulation unter Narkose
Eine aktuelle Untersuchung der University of Nottingham hat die Erfahrungen von Patientinnen und Patienten untersucht, die eine Manipulation unter Narkose (MUA) erhalten haben.
Die Studie zeigt, dass viele Betroffene große Erwartungen an den Eingriff hatten und hofften, dadurch ihre Beweglichkeit dauerhaft zu verbessern. In vielen Fällen entsprach das Ergebnis jedoch nicht diesen Erwartungen.
Ein Teil der Patientinnen und Patienten berichtete über weiterhin bestehende Beschwerden oder über eine rasche Rückkehr der Bewegungseinschränkung. Die Ergebnisse verdeutlichen daher, wie wichtig eine gründliche Aufklärung über mögliche Risiken und Alternativen vor einer solchen Behandlung ist.
Arthroskopische Arthrolyse als mögliche Alternative
Bei Patientinnen und Patienten, bei denen die Implantatposition günstig ist, die Beweglichkeit jedoch eingeschränkt bleibt, empfiehlt Dr. Rosenberger eine arthroskopische Operation mit vorsichtiger Arthrolyse und möglichst minimalem operativem Trauma.
Wichtige Prinzipien dabei sind der Verzicht auf eine Blutsperre, sofern nicht unbedingt notwendig, der Einsatz eines Radiofrequenz-Koagulationsinstruments statt eines mechanischen Shavers zur Kontrolle von Blutungen sowie anschließend tägliche, sanfte passive Bewegung mit einer CPM-Bewegungsschiene, um die Bildung neuer Verklebungen zu reduzieren.
Warum Betroffene gut informiert sein sollten
Viele Patientinnen und Patienten haben große Erwartungen an eine Manipulation unter Narkose. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass die Ergebnisse nicht immer den Hoffnungen entsprechen.
Wenn eine Manipulation bei einem steifen Knie empfohlen wird, empfiehlt die IAA daher, die Risiken ausführlich mit dem behandelnden Chirurgen zu besprechen und zu fragen, ob eine arthroskopische Arthrolyse eine sicherere Alternative sein könnte.
Dieser Beitrag basiert auf einem Interview der International Arthrofibrosis Association (IAA) mit Priv.-Doz. Dr. Ralf Rosenberger (OrthoUnfall Tirol).
Lesetipp:
Komplikationen nach Knie-OP – Arthrofibrose Betroffene berichten über ihre Erfahrungen
Was ist Arthrofibrose? Was tun bei Arthrofibrose?
Hinweis: Die hier geteilten Informationen sollen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz beitragen, ersetzen aber in keinem Fall die ärztliche Diagnose, Beratung und Behandlung.
Illustration: KI-generiertes Bild (Symbolbild)






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