Moderne Endoprothetik im Überblick: neue Implantate, individuelle Knieprothesen, Risiken bei Diabetes, Metallallergien und aktuelle Entwicklungen beim Gelenkersatz.
Die Endoprothetik befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderungen.
Auf dem 27. Jahreskongress der AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik im Dezember 2025 in Berlin rückten Fachleute aus Deutschland zentrale Themen in den Fokus, die die Versorgung von Hüft- und Kniearthrose in den kommenden Jahren prägen werden: neue Technologien wie KI und Robotik, ein differenzierterer Blick auf Risikofaktoren wie Diabetes und Adipositas, der Umgang mit Metallallergien und neue Strategien zur Prävention von Protheseninfektionen.
Der Kongress stand unter dem Motto „Endoprothetik im Wandel“ – und tatsächlich zeigt sich ein Umbruch: weg vom mechanischen Einheitsansatz, hin zu präziser, individualisierter Medizin.
Metallallergien: Hauttest positiv – ist das Implantat trotzdem sicher?
Viele Menschen mit Nickel- oder Chromallergie sind verunsichert, wenn ein künstliches Gelenk notwendig wird. Der Kongress machte jedoch deutlich: Die Sorge vor einer „Implantatallergie“ ist häufig größer als das tatsächliche Risiko.
Prof. Georgi Wassilew, Generalsekretär der AE, stellte eine aktuelle Übersichtsarbeit vor und betonte, dass eine Sensibilisierung der Haut nicht automatisch eine Reaktion auf ein Implantat bedeutet.
Ein auffälliger Epikutantest oder Probleme mit Modeschmuck weisen lediglich auf eine Hautreaktion hin – nicht jedoch darauf, ob ein Implantat im Gelenkgewebe Probleme verursachen wird.
Entscheidend ist: Eine immunologische Reaktion auf eine Endoprothese kann erst entstehen, wenn das Implantat bereits im Körper ist. Sie ist zudem nur selten eindeutig nachweisbar, meist nur histologisch durch Gewebeproben.
Diagnostik mit Augenmaß – keine Routinetests
Die AE empfiehlt ein stufenweises Vorgehen:
- Allergietestung nur bei klarer Vorgeschichte (zum Beispiel frühere Kontaktreaktionen auf Implantate oder Schmuck).
- Ausschlussmechanismus: Bei Beschwerden nach einer OP müssen zuerst Infektionen, Lockerungen oder mechanische Ursachen ausgeschlossen werden.
- Eine „Implantatallergie“ bleibt eine Ausschlussdiagnose – kein Routinebefund.
Hypoallergene Implantate – möglich, aber nicht automatisch besser
Implantate mit Spezialbeschichtungen oder Titan-/Keramikanteilen können für sensibilisierte Menschen geeignet sein. Doch ihr Einsatz muss gut abgewogen werden:
- Operateure benötigen Erfahrung mit diesen Systemen.
- Für viele hypoallergene Implantate fehlen derzeit Langzeitdaten zur Haltbarkeit.
- Standardimplantate sind oft besser untersucht und im klinischen Alltag bewährt.
Wassilews Fazit: Aufklärung, Erfahrung und präzise Operationstechnik sind entscheidend – nicht die Allergie an sich.
Diabetes und Gelenkersatz
Ein zentrales Thema war die wachsende Bedeutung von Diabetes und Prädiabetes in der Endoprothetik.
Typ-2-Diabetes ist nicht nur ein Risikofaktor für die Entwicklung von Arthrose, sondern erhöht auch das Risiko für Komplikationen rund um den Gelenkersatz.
Priv.-Doz. Stephan Kirschner, Past-Präsident der AE, erläuterte die Zusammenhänge:
- Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel fördert Entzündungen im Gelenk und schädigt Knorpelzellen.
- Hohe Zuckerwerte beeinträchtigen die Immunabwehr und Wundheilung, was Infektionen wahrscheinlicher macht.
- Schon Prädiabetes erhöht das Risiko – und bleibt häufig unentdeckt.
- In Deutschland sind laut Studien 30–40 Prozent der Erwachsenen betroffen, oftmals ohne es zu wissen.
Warum viszerales Fett das Gelenk beeinflusst
Ein Schwerpunkt lag auf dem viszeralen Bauchfett, das Hormone und Botenstoffe produziert, welche die Insulinwirkung behindern und chronische Entzündungen begünstigen. Diese Prozesse wirken sich auch auf Gelenke und Implantate aus.
Gezielte Vorbereitung vor einer Operation
Da ein Gelenkersatz planbar ist, empfiehlt die AE ein strukturiertes perioperatives Management:
- HbA1c sollte idealerweise unter 7 Prozent, besser noch unter 5,6 Prozent liegen
- Nikotin- und Alkoholverzicht sechs Wochen vor der OP
- Abklärung von Begleiterkrankungen, Herz-Kreislauf-System, Anämie
- Patient Blood Management
- Gewichtsreduktion (falls möglich)
- Sanierung von Entzündungsherden, insbesondere Zahnstatus
- Atemtraining und moderate körperliche Aktivität
Professor Robert Hube, AE-Präsident, betont: Mit guter Vorbereitung und enger Zusammenarbeit zwischen allen beteiligten Disziplinen kann das Risiko deutlich gesenkt werden.
Wenn Keime ins Gelenk gelangen: Protheseninfektionen verstehen
Periprothetische Infektionen bleiben eine der gefürchtetsten Komplikationen in der Endoprothetik – auch wenn sie mit 0,5–2 Prozent selten auftreten.
Der aktuelle Jahresbericht des Endoprothesenregisters Deutschland (EPRD) zeigt ihre Bedeutung:
- 15,2 Prozent aller Revisionen nach Knieprothesen sind infektionsbedingt
- 18,5 Prozent bei Hüftprothesen
Infektionen können Jahre nach der OP auftreten. Die Behandlung ist langwierig und oft mit Implantatwechseln und Antibiotikatherapie verbunden.
Die AE diskutierte Strategien zur Prävention:
- sorgfältiges perioperatives Management
- bessere Standardisierung in der Diagnostik
- antibakterielle Implantatbeschichtungen
- Optimierung der OP-Umgebung
- frühes Erkennen und schnelles Handeln bei Wundheilungsstörungen
Warum die Prothese von morgen anders aussieht
Ein weiterer Schwerpunkt des Kongresses war der Paradigmenwechsel in der Knieendoprothetik.
Professor Rüdiger von Eisenhart-Rothe, AE-Vizepräsident, zeigte, warum das über Jahrzehnte vorherrschende Konzept des „geraden Beins“ nicht mehr zeitgemäß ist.
Ein Knie ist nicht wie das andere
Nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung entsprechen der „Standardanatomie“. Viele haben X- oder O-Beine, unterschiedliche Bandspannungen oder charakteristische Bewegungsmuster.
Heute gilt: Die Prothese muss zur Anatomie passen – nicht die Anatomie zur Prothese.
Warum Patientinnen und Patienten mehr erwarten: Die typische Altersgruppe verändert sich. Viele sind jünger, sportlicher und möchten ein Knie, das sich wieder natürlich anfühlt. Trotzdem erreichen 5–20 Prozent kein „vergessenes Knie“.
KI, Robotik und der Digitale Zwilling
Die Zukunft der Knieendoprothetik ist datengetrieben:
- KI sammelt und analysiert Bilddaten, Bewegungsanalysen und intraoperative Messwerte
- Wearables liefern Alltagssensorik, die aussagekräftiger sein kann als ein Röntgenbild
- Eine wachsende Datenbank digitaler Zwillinge hilft zu erkennen, welche Operationstechnik für welchen Anatomietyp die besten Ergebnisse erzielt
- Robotik ermöglicht eine millimetergenaue Umsetzung der Planung im OP
Roboter operieren nicht selbst, unterstützen aber die chirurgische Präzision und erfassen gleichzeitig Daten für künftige Entscheidungen.
Das Ziel bleibt klar: Ein Knie, das sich im Alltag natürlich anfühlt.
Neue Technologien und gesundheitspolitische Rahmenbedingungen
Der Kongress beleuchtete zusätzlich:
- bioaktive Oberflächen und antibakterielle Implantatbeschichtungen
- neue 3D-gedruckte, personalisierte Implantatmodelle
- KI-basierte Planungssysteme
- Krankenhausstrukturreformen, Mindestmengen und Zentralisierung
Die Endoprothetik erlebt nicht nur technische, sondern auch gesundheitspolitische Veränderungen. Höhere Fallzahlen in spezialisierten Zentren verbessern nachweislich die Ergebnisse.
Der AE-Kongress 2025 zeigt ein klares Bild:
Die Endoprothetik entwickelt sich weg von Standardlösungen – hin zu personalisierten Strategien, die Anatomie, Stoffwechsel, Risiko- und Lebensfaktoren stärker berücksichtigen.
Metallallergien werden sachlicher eingeordnet, Diabetes bekommt eine neue Bedeutung für die OP-Sicherheit, Infektionen werden systematischer adressiert und der Weg zur individuellen Knieprothese wird durch KI, Robotik und digitale Zwillinge konkret.
Für Betroffene bedeutet das: Mehr Sicherheit, mehr Präzision und eine Versorgung, die sich zunehmend an realen Lebensbedingungen orientiert.
Was moderne Endoprothetik für Österreich bedeutet
In Österreich werden jährlich zehntausende Hüft- und Knieprothesen implantiert – mit steigender Tendenz. Der demografische Wandel, aber auch Zivilisationskrankheiten wie Adipositas und Typ-2-Diabetes erhöhen den Bedarf an Gelenkersatz deutlich. Gleichzeitig wächst der Anspruch an die Versorgung: Betroffene möchten möglichst rasch wieder mobil sein, ein natürliches Bewegungsgefühl erreichen und auch im höheren Alter aktiv bleiben.
Viele Entwicklungen, die diese Versorgung künftig prägen werden, entstehen im deutschsprachigen Raum – und werden auch für Österreich zunehmend relevant. Der Jahreskongress der AE – Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik, eine der wichtigsten wissenschaftlichen Plattformen für Hüft- und Knieendoprothetik, zeigt jedes Jahr, wohin sich das Fach bewegt. Themen wie personalisierte Knieimplantate, der sinnvolle Umgang mit Metallallergien, der Einfluss von Diabetes auf den Operationserfolg oder neue Strategien zur Infektionsprävention betreffen österreichische Kliniken ebenso wie Patientinnen und Patienten hierzulande.
Gerade weil die Endoprothetik in Österreich stark aus Zentren heraus organisiert ist und viele Häuser bereits robotisch-assistierte Verfahren oder individualisierte Planungsmodelle einsetzen, geben die AE-Trends wichtige Orientierung – sowohl für die tägliche Praxis als auch für langfristige Qualitätsstandards.
Endoprothesenregister trägt erfolgreich zu mehr Patientensicherheit bei
Hinweis: Die hier geteilten Informationen sollen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz beitragen, ersetzen aber in keinem Fall die ärztliche Diagnose, Beratung und Behandlung.
Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin & Herausgeberin des Arthrose Magazins
Bild: Illustration, KI-gestützt erstellt / Redaktion tirolturtle.at









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