Hilft Hyaluronsäure bei Arthrose?
Arthrose

Hyaluronsäure bei Arthrose: Zwischen Kritik und neuer Evidenz

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Kaum eine Arthrose-Therapie wird so kontrovers diskutiert wie Hyaluronsäure. Warum aktuelle Forschung und neue Empfehlungen den Blick auf die Behandlung erweitern.

Kaum eine Arthrose-Behandlung polarisiert so sehr wie Hyaluronsäure-Injektionen. Für die einen sind sie eine teure Selbstzahlerleistung mit fraglichem Nutzen. Andere berichten, dass sie dadurch wieder schmerzfreier gehen oder eine Operation hinauszögern konnten. Was stimmt nun?

“Mein Orthopäde empfiehlt Hyaluronsäure. Der nächste Arzt sagt, das bringt überhaupt nichts. Wem soll ich glauben?”

Genau diese widersprüchlichen Aussagen sorgen seit Jahren für Verunsicherung. Der Grund dafür ist nicht, dass eine Seite recht und die andere unrecht hat.

Vielmehr bewerten Fachgesellschaften und Ärztinnen und Ärzte die wissenschaftlichen Daten unterschiedlich. Gleichzeitig sind in den vergangenen Jahren neue Studien, Expertenkonsense und moderne Hyaluronsäure-Präparate hinzugekommen, die zusätzliche Erkenntnisse liefern.

Warum Hyaluronsäure überhaupt eingesetzt wird

Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil der Gelenkflüssigkeit. Sie sorgt dafür, dass Gelenke geschmiert werden und Belastungen besser abfedern können.

Bei Arthrose verändert sich die Zusammensetzung der Gelenkflüssigkeit. Die Konzentration und Qualität der körpereigenen Hyaluronsäure nehmen ab. Die Idee hinter der sogenannten Viskosupplementation ist daher einfach: Durch eine Injektion soll das Gelenk wieder mit Hyaluronsäure versorgt werden.

Lange Zeit wurde angenommen, dass Hyaluronsäure hauptsächlich wie ein „Schmiermittel“ wirkt. Heute gehen Fachleute davon aus, dass die Wirkung deutlich komplexer ist.

Einen Überblick über die verschiedenen Injektionstherapien – von Hyaluronsäure über Kortison bis PRP – gibt es in den Beiträgen „Infiltrationen bei Arthrose und Gelenkschmerzen“ und Injektionstherapien bei Kniearthrose.

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Was hilft bei Kniearthrose?

Mehr als nur ein Schmiermittel

Aktuelle Übersichtsarbeiten beschreiben Hyaluronsäure nicht mehr nur als mechanischen Gelenkschmierstoff.

Demnach kann sie auch biologische Prozesse im Gelenk beeinflussen. Diskutiert werden unter anderem Effekte auf Entzündungsprozesse, die Aktivität bestimmter Gelenkzellen sowie die Wechselwirkung mit Rezeptoren der Gelenkschleimhaut.

Zu diesem Schluss kommt unter anderem auch die französisch-belgische EUROVISCO-Expertengruppe. In ihrer aktuellen Übersichtsarbeit betont sie, dass Hyaluronsäure heute nicht mehr nur als reine „Viskositäts-Injektion“ betrachtet werden sollte, sondern als Teil eines personalisierten Behandlungskonzeptes.

Warum wird Hyaluronsäure kritisch gesehen?

Die Kritik an Hyaluronsäure hat mehrere Gründe.

Zum einen zeigen Studien zwar häufig Verbesserungen bei Schmerzen und Funktion, die Effekte sind jedoch nicht bei allen Patientinnen und Patienten gleich stark ausgeprägt.

Zum anderen ist bekannt, dass bereits eine Gelenkinjektion mit Kochsalzlösung einen deutlichen Placeboeffekt auslösen kann. Deshalb war es in Studien oft schwierig, nachzuweisen, wie groß der tatsächliche Zusatznutzen der Hyaluronsäure ist.

Hinzu kommt, dass die Behandlung in Österreich und Deutschland meist selbst bezahlt werden muss. Dadurch entstand bei manchen Betroffenen der Eindruck, dass vor allem die behandelnden Ärztinnen und Ärzte von den Injektionen profitieren.

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Warum die Fachwelt heute differenzierter urteilt

Interessanterweise sagen die aktuellen Expertenpapiere nicht, dass Hyaluronsäure plötzlich viel wirksamer geworden sei.

Die eigentliche Veränderung liegt an einem anderen Punkt:

Heute wird stärker darauf geachtet, welche Patientinnen und Patienten behandelt werden und welches Präparat verwendet wird.

Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr:

„Wirkt Hyaluronsäure bei Arthrose?“

Sondern:

„Für wen könnte Hyaluronsäure sinnvoll sein?“

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Genau hier setzen aktuelle Empfehlungen der European Society for Clinical and Economic Aspects of Osteoporosis, Osteoarthritis and Musculoskeletal Diseases (ESCEO) und der EUROVISCO-Expertengruppe an.

AUF EINEN BLICK
Warum Hyaluronsäure wieder diskutiert wird

Die wichtigsten Entwicklungen der vergangenen Jahre:

  • Moderne Hyaluronsäure-Präparate unterscheiden sich deutlich von früheren Produkten.
  • Neue Kombinationen, etwa mit Mannitol oder Polynukleotiden, sollen die Wirkung weiter verbessern und werden derzeit intensiv erforscht.
  • Heute steht stärker im Mittelpunkt, welche Patientinnen und Patienten von einer Behandlung profitieren könnten.
  • Europäische Fachgesellschaften wie ESCEO, EUROVISCO und EULAR bewerten Hyaluronsäure differenzierter als noch vor einigen Jahren.
  • Hyaluronsäure gilt nicht als Wundermittel, kann aber für ausgewählte Betroffene ein sinnvoller Baustein einer umfassenden Arthrosebehandlung sein.

 

Zu den Stimmen, die aktuell für eine differenziertere Betrachtung der Hyaluronsäure plädieren, gehören unter anderem Prof. Dr. Ali Mobasheri und Prof. Dr. Yves Henrotin.

Beide beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Arthroseforschung und waren an aktuellen Veröffentlichungen beteiligt, die die Rolle moderner Hyaluronsäure-Präparate neu bewerten.

Ali Mobasheri, ehemaliger Präsident der Osteoarthritis Research Society International (OARSI), veröffentlichte gemeinsam mit internationalen Expertinnen und Experten ein aktuelles ESCEO-Konsensuspapier zur Hyaluronsäure bei Kniearthrose.

Darin wird die intraartikuläre Hyaluronsäure als wissenschaftlich begründete Behandlungsoption im Rahmen eines patientenzentrierten und multimodalen Behandlungskonzeptes beschrieben.

In einem deutschsprachigen Fachbeitrag für die Sportärztezeitung fasst Mobasheri die aktuelle Entwicklung in drei Punkten zusammen: Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil der Gelenkflüssigkeit, verfügt insgesamt über ein günstiges Sicherheitsprofil und entwickelt sich durch neue Formulierungen – etwa in Kombination mit Mannitol, Sorbitol oder Polynukleotiden – kontinuierlich weiter.

Diese Einschätzung deckt sich mit mehreren aktuellen europäischen Veröffentlichungen, die den Fokus heute stärker auf die Auswahl geeigneter Patientinnen und Patienten sowie auf die Unterschiede zwischen den verfügbaren Präparaten legen.

Henrotin wiederum gehört seit Jahren zu den prägenden Stimmen im Bereich der Viskosupplementation und ist Mitautor einer aktuellen Übersichtsarbeit der EUROVISCO-Expertengruppe. Darin wird betont, dass Hyaluronsäure heute nicht mehr nur als „Schmiermittel“ betrachtet werden sollte, sondern als Teil einer personalisierten Arthrosebehandlung, bei der Krankheitsstadium, Produktauswahl und Patientenprofil berücksichtigt werden.

Nicht jede Hyaluronsäure ist gleich

Ein weiterer Grund für die kontroverse Diskussion liegt darin, dass unter dem Begriff „Hyaluronsäure“ sehr unterschiedliche Produkte zusammengefasst werden.

Heute stehen zahlreiche Varianten zur Verfügung:

  • niedermolekulare Hyaluronsäuren
  • hochmolekulare Hyaluronsäuren
  • vernetzte Hyaluronsäuren
  • Hybrid-Komplexe aus verschiedenen Molekülgrößen
  • Kombinationen mit Mannitol oder Sorbitol
  • Kombinationen mit Polynukleotiden
  • Kombinationen mit Chondroitinsulfat

Welche modernen Hyaluronsäure- und Kombinationspräparate derzeit verfügbar sind, zeigt ein eigener Übersichtsartikel im Arthrose Magazin.

Kombi-Injektionen bei Arthrose: Was Hyaluron mit PRP, Chondroitin oder Kortison leisten kann

Viele der älteren Studien untersuchten Produkte, die sich deutlich von heutigen Präparaten unterscheiden.

Deshalb argumentieren einige Experten, dass ältere Bewertungen nicht automatisch auf moderne Produkte übertragen werden können.

Genau darin sehen viele Expertinnen und Experten einen Grund, warum die Diskussion heute neu geführt wird. Viele ältere Studien betrachteten Hyaluronsäure als eine einheitliche Therapie.

Tatsächlich unterscheiden sich die heute verfügbaren Präparate jedoch deutlich – etwa hinsichtlich Molekülgröße, Vernetzung oder zusätzlicher Inhaltsstoffe. Deshalb lassen sich Ergebnisse älterer Studien nicht ohne Weiteres auf moderne Hyaluronsäure-Präparate übertragen.

Hinzu kommt, dass derzeit neue Kombinationen – etwa mit Mannitol, Sorbitol oder Polynukleotiden – intensiv untersucht werden. Ziel ist es, die Eigenschaften der Hyaluronsäure weiter zu verbessern und ihre Wirkung möglichst lange aufrechtzuerhalten.

Kniearthrose: Bewegung, PRP und neue Therapien – was heute möglich ist

Welche Patientinnen und Patienten könnten profitieren?

Nach aktuellen europäischen Empfehlungen kommen vor allem Menschen mit leichter bis mittelschwerer Kniearthrose infrage.

Besonders diskutiert werden:

  • aktive Menschen mit frühem Arthrosestadium
  • Personen mit Kontraindikationen gegen Schmerzmittel
  • Menschen mit Diabetes
  • Patientinnen und Patienten, die Kortison vermeiden möchten
  • Personen, die eine Operation möglichst hinauszögern wollen

Weniger geeignet erscheint die Behandlung bei akuten Entzündungsschüben oder sehr weit fortgeschrittener Arthrose.

Ein interessanter Aspekt: Diabetes

Ein Punkt, der in den aktuellen Veröffentlichungen besonders hervorgehoben wird, betrifft Menschen mit Diabetes.

Während Kortison-Injektionen den Blutzucker ansteigen lassen können, gilt Hyaluronsäure diesbezüglich als deutlich unproblematischer. Einige Expertengruppen sehen darin einen wichtigen Vorteil bei der Auswahl geeigneter Behandlungen.

Was sagen die Leitlinien?

Hier beginnt die eigentliche Kontroverse.

Einige amerikanische Organisationen bewerten Hyaluronsäure eher zurückhaltend und sehen den Nutzen nahe am Placeboeffekt.

Europäische Fachgesellschaften wie ESCEO, EULAR oder EUROVISCO kommen dagegen zu einer deutlich positiveren Einschätzung. Sie sehen Hyaluronsäure als mögliche Behandlungsoption für ausgewählte Patientinnen und Patienten – insbesondere dann, wenn konservative Maßnahmen alleine nicht ausreichen.

Warum kommen die Fachgesellschaften zu unterschiedlichen Ergebnissen? Ein Grund ist, dass sie dieselben Studien unterschiedlich bewerten. Während manche Organisationen vor allem auf den durchschnittlichen Effekt gegenüber Placebo schauen, berücksichtigen andere zusätzlich die Alltagserfahrungen aus der klinischen Praxis, das gute Sicherheitsprofil und die Frage, welche Patientinnen und Patienten besonders von einer Behandlung profitieren könnten. Deshalb unterscheiden sich die Empfehlungen teilweise deutlich.

Diese unterschiedlichen Bewertungen erklären, warum Arthrose-Betroffene bis heute sehr verschiedene Empfehlungen erhalten.

Warum berichten manche von einer deutlichen Wirkung – andere gar nicht?

Genau diese Frage beschäftigt auch die Forschung. Nach heutigem Wissen gibt es vermutlich nicht “den” typischen Hyaluronsäure-Patienten. Entscheidend könnten unter anderem das Stadium der Arthrose, die entzündliche Aktivität des Gelenks, die Wahl des Präparats sowie die korrekte Durchführung der Injektion sein.

Auch Begleiterkrankungen und individuelle Unterschiede spielen wahrscheinlich eine Rolle.

Deshalb gehen viele Expertinnen und Experten heute davon aus, dass Hyaluronsäure nicht bei allen Menschen gleich gut wirkt. Ziel aktueller Empfehlungen ist es vielmehr, jene Patientinnen und Patienten besser zu identifizieren, die am ehesten von der Behandlung profitieren könnten.

Gemeinsam mit Bewegung, Muskelaufbau, Gewichtsreduktion und anderen konservativen Maßnahmen kann sie – je nach Situation – ein Baustein eines umfassenden Behandlungskonzeptes sein.

Persönliche Erfahrung:

Nach einer sportbedingten Überbelastungsreaktion des rechten Knies (keine Gonarthrose im Knie) erhielt ich eine Serie von drei Ostenil®-Injektionen jeweils im Abstand von einer Woche. Ich war nach Abschluss der Behandlung wieder beschwerdefrei. Diese Erfahrung ist persönlich und lässt sich nicht auf andere Erkrankungen oder Betroffene übertragen.

Die neuen Veröffentlichungen bedeuten nicht, dass Hyaluronsäure plötzlich für alle Menschen mit Arthrose empfohlen wird. Sie zeigen vielmehr, dass die Behandlung heute individueller betrachtet wird als noch vor einigen Jahren.

Welche Schlüsse kann man ziehen?

Wer im Internet nach Hyaluronsäure sucht, findet oft zwei Extreme: Entweder wird sie als Wundermittel dargestellt oder als reine Geldmacherei abgetan.

Die aktuelle wissenschaftliche Diskussion zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild.

Hyaluronsäure ist kein Wundermittel. Sie kann Arthrose nicht heilen und auch keinen verlorenen Knorpel nachwachsen lassen.

Gleichzeitig sprechen aktuelle Expertenkonsense dafür, dass sie bei ausgewählten Patientinnen und Patienten eine sinnvolle Rolle im Rahmen eines multimodalen Behandlungskonzeptes spielen kann.

Die spannende Entwicklung der letzten Jahre besteht deshalb weniger darin, dass Hyaluronsäure plötzlich besser wirkt. Vielmehr verstehen Fachleute heute besser, welche Produkte verfügbar sind, welche Unterschiede zwischen den Präparaten bestehen und welche Patientinnen und Patienten möglicherweise am ehesten davon profitieren.

Die Diskussion ist also keineswegs beendet. Sie wird vielmehr differenzierter geführt als jemals zuvor.

Für das Arthrose Magazin ist die Diskussion besonders spannend, weil viele dieser Entwicklungen auch im internationalen Arthrose-Netzwerk intensiv diskutiert werden. Der Austausch zwischen Betroffenen, Forschenden und Fachleuten zeigt dabei immer wieder, wie unterschiedlich die Erfahrungen mit Hyaluronsäure sein können – und warum pauschale Urteile dem Thema oft nicht gerecht werden.

Gerade deshalb lohnt es sich, neue wissenschaftliche Entwicklungen regelmäßig einzuordnen – denn nicht jede neue Studie verändert sofort die Behandlung, manchmal verändert sie aber den Blick auf ein bereits bekanntes Verfahren.

Hinweis: Die hier geteilten Informationen dienen der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzen keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung.

Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin und Herausgeberin des Arthrose-Magazins.

Illustration: KI-generiertes Bild (Symbolbild)

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