Narbentherapie - das Liedler Konzept
Vienna Tortoise

Narbentherapie – Das Liedler Konzept: Was ist das?

Narbentherapie – das Liedler Konzept. Angelika Eisenhut geht der Frage nach, warum die Narbentherapie ein wichtiger Bestandteil des Heilungsprozesses sein sollte.

Narbentherapie – das Liedler Konzept. Was ist das Liedler Konzept? Kann Narbentherapie bereits vor einer OP eingesetzt werden? Was kann die Narbentherapie post-OP und bei Wundheilung bewirken? Ist eine Narbenbehandlung schhmerzhaft?

Angelika Eisenhut – in unserer österreichischen Arthrose Selbsthilfe und Plattform Arthrose Forum Austria sowie in der deutschen TEPFIT Selbsthilfegruppe engagiert und Tirolturtle Gastbloggerin – ist genau diesen Fragen nachgegangen.

Nicht zuletzt auch wegen ihrer jahrelangen ehrenamtlichen Tätigkeit im Verein Doulas in Austria (DiA) und eigenen Erfahrungen als dreifache Mutter mit zwei künstlichen Hüftgelenken, interessiert sich Angelika für das Thema.

Angelika „Vienna Tortoise“ Eisenhut hat sich das von der Wiener Physiotherapeutin und Osteopathin Michaela Liedler entwickelte Konzept näher angeschaut und berichtet von ihren Eindrücken.

Weitere Beiträge von „Vienna Tortoise“ findest du übrigens hier.

Narbentherapie – das Liedler Konzept

Bei jeder Verletzung muss Gewebe heilen. Wir alle kennen das von Kindheit an – bei kleinen Hautverletzungen bleiben keine Spuren zurück, ist die Wunde jedoch tiefer oder stammt von einer Operation, entsteht eine Narbe.

In diesem Bereich wird im Zuge der Heilung nach und nach ein Ersatzgewebe aufgebaut, das einen Verschluss der Haut darstellt, aber nicht mehr die vollständige Elastizität aufweist. Narben fühlen sich unter unseren Fingern und in sich anders an, wenn wir darüber streichen.

Narben können aber nicht nur an der Oberfläche unseres Körpers als sichtbare Zeichen einer Wunde auftreten. Auch im Inneren gibt es Narben, die durch Unfälle oder Operationen entstanden sind. Wir sehen sie nicht, aber sie sind vorhanden, da auch dort Gewebe verletzt wurde und verheilen muss.

Ein Wundverschluss kann problemlos ablaufen und als Narbe keinerlei Beschwerden verursachen. Im besten Fall ist eine Narbe im Körper integriert und beeinflusst dessen Beweglichkeit nicht. Die Gleitfähigkeit des Gewebes zueinander bleibt erhalten oder bildet sich erneut im Rahmen der Heilung aus.

Doch manchmal kommt es zu Reaktionen des Körpers, die auf den ersten Blick in keinerlei Verbindung zur Narbe stehen. Chronische Schmerzen sind vorhanden, deren Ursache nicht gefunden werden kann oder deren Behandlung keinen langfristigen Erfolg zeigt.

Oft treten Schmerzen erst Jahre nach der Entstehung einer Narbe auf. Wenn die Kompensationsmechanismen des Körpers gestört werden oder die Elastizität des Gewebes mit fortschreitendem Alter abnimmt, kann der Körper nicht mehr für eine Integration der Narbe sorgen.

Eine vermeintlich gut eingegliederte Narbe zeigt sich dann als ein Störfaktor, der zwar jahrelang überspielt werden konnte, aber immer unterschwellig vorhanden war.

Unser Körper ist kein starres Gebilde, das punktuell funktioniert. Vielmehr ist er eine Einheit, die auf Veränderung flexibel reagieren kann und muss, um die Stabilität wieder herzustellen und das notwendige Gleichgewicht zu finden.

So kommt es dazu, dass Störungen in einem Bereich zu Schmerzen und Einschränkungen in anderen Körperregionen führen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

„Narben sind oft nicht dort auffällig, wo die Narbe tatsächlich ist, sondern zeigen sich durch chronische Schmerzen im restlichen Körper.“ 

Narbentherapie - das Liedler Konzept

Michaela Liedler, Physiotherapeutin und Osteopathin

Diese Erfahrung musste Michaela Liedler, Physiotherapeutin und Osteopathin, selbst machen.

Als Folge eines Kaiserschnitts litt sie unter einem Engegefühl im Bauchraum und Rückenschmerzen, die sich im Zuge der oberflächlichen Narbenbehandlung nicht verbesserten.

Im Selbstversuch begann sie sich in die Tiefe zu arbeiten und verschiedene Techniken von Zug und Druck auf das Gewebe anzuwenden.

Erfolgreich an sich selbst erprobte sie ihr gewonnenes Wissen an ihren Patient*innen und erweiterte die neuen Techniken.

2018 war eine Methode der Narbenbehandlung geboren, das Liedler-Konzept.

 

Die Theorie dahinter beruht auf drei Ebenen:

  • Die Narbe selbst ist das im Zuge der Heilung entstandene Ersatzgewebe.
  • Fasziale Verklebungen sind Bereiche im Bindegewebe, wo die für Bewegung notwendige Flexibilität durch eine Strukturänderung vermindert oder blockiert ist.
  • Peritoneale Adhäsionen sind Verwachsungen im Bauchraum, die besonders nach Operationen an Organen auftreten.

Diese strukturellen Veränderungen von Gewebe können vielfache Reaktionen im Körper hervorrufen.

Beispielsweise wird die Atmung eingeschränkt, die Bewegungsfreiheit des Körpers ist behindert, Verspannungen sind die Folge, Schmerzen und Blockaden treten auf.

Narbentherapie – das Liedler Konzept: spezielle Grifftechniken

Während herkömmliche Narbentherapien eine oberflächliche Behandlung darstellen und maximal fasziale Verklebungen erreichen, setzt das Liedler-Konzept tiefer an.

Durch spezielle Grifftechniken werden auch peritoneale Adhäsionen erreicht, die oft unerkannte Auslöser chronischer Schmerzen sind und zu Bewegungseinschränkungen in der Wirbelsäule und den großen Gelenken führen können.

Der Fokus liegt auf Fixierung mithilfe einer speziellen Grifftechnik bei gleichzeitiger Bewegung.

Dabei bringt die Therapeutin den betroffenen Gewebebereich durch Traktion unter eine maximale Zugspannung bis an die absolute Grenze seiner Belastbarkeit.

Die Patient*innen wird angeleitet, die angrenzenden großen Gelenke durchzubewegen, während gleichzeitig das gespannte Gewebe pendelnd mobilisiert wird.

Diese Behandlung ist intensiv und schmerzhaft. Doch der Schmerz lässt schnell nach und zeigt an, dass das Gewebe auf die Behandlung reagiert.

Durch mehrmaliges Nachgreifen und erneutes Ansetzen von Fixierung und Bewegung kann bis in die Tiefe gegangen werden, um alle betroffenen Schichten zu erreichen.

Es erfordert oft Mut vonseiten der Patient*innen, sich der Konfrontation mit ihren Narben zu stellen.

Narben sind häufig emotional mit unangenehmen Erlebnissen verbunden, und der bei der Behandlung entstehende körperliche Schmerz kann als Trigger wirken.

Feingespür und Achtsamkeit sind daher ein wichtiger Teil des Liedler-Konzeptes, damit Narben auch emotional angenommen und integriert werden können.

Narbentherapie – das Liedler Konzept: Selbsterfahrung

Ich selbst habe dieses Konzept kürzlich ausprobiert und mich in die Hände von Michaela Liedler begeben. Anhaltende Schmerzen im Iliosakralgelenk, die jeder Behandlung bisher hartnäckig widerstanden haben, waren mein Ansporn dazu.

Ich habe schon allein aufgrund von zwei Hüft OPs und drei Geburten mehrere Narben im Bauch- und Beckenbereich, die behandelt wurden.  Mein Fokus lag auf den Narben der Hüftoperationen, da ich dachte, meine Schmerzen würden davon kommen.

Nein, wider Erwarten waren die Geburtsverletzungen ausschlaggebend und haben zu Einschränkungen im gesamten Körper geführt.  

Ja, es tut weh, aber es ist auch erstaunlich, wie viel wenige Griffe und eine gezielte Technik bewirken können. Ich kann an mir beobachten, wie mein Körper nach und nach auf die größere Bewegungsfreiheit reagiert, locker lässt und Schmerz reduziert.

Nackenverspannungen sind verschwunden, mein Kopf ist frei drehbar, die Atmung fließt. Meine Bewegungen werden anders, weil mein Becken in sich und in den Hüftgelenken mehr Spielraum bekommen hat.

Selbstverständlich ist das ein Prozess – jahrelang bestehende Einschränkungen benötigen Zeit, um sich nach und nach abzubauen.

 

Warum das Liedler-Konzept funktioniert, ist noch nicht geklärt, auch wenn in einer Studie* von 2019 erste Ergebnisse präsentiert werden konnten.

Die Theorie dazu besagt, dass Mikrorisse im Gewebe minimale Entzündungsreaktionen hervorrufen und zu einer dauerhaften und langfristigen Neustrukturierung und Reorganisation des Gewebes führen.

Die Geschmeidigkeit und Gleitfähigkeit der Faszienschichten werden wieder erreicht, Verwachsungen im Bauchraum verlieren ihre Spannung.

Der Bewegungsumfang der großen Gelenke wird wieder hergestellt, die Atmung ist frei und tief möglich. Schonhaltungen und Kompensationsmechanismen werden aufgelöst oder minimiert.

Das Liedler-Konzept ist also ein schlüssiger Baustein im Bereich der Körperarbeit, der viele Fragen lösen und Patient*innen weiter helfen kann.

Nicht nur postoperativ, sondern auch vor Operationen und im Rahmen der Wundheilung kann diese Methode eingesetzt werden, um Narben dauerhaft und gut in den Körper zu integrieren.

Narbenheilung stellt sich im Zuge einer Gelenkoperation spätestens nach dem Eingriff. Inwiefern eine Vorbereitung auf die Operation und eine unmittelbare Nachbehandlung möglich sind, werden wir mit weiteren Beiträgen verfolgen und dabei auch andere Therapieansätze vorstellen.

Michaela Liedler hat ein Fachbuch** herausgegeben, ist als Dozentin und Lehrbeauftragte tätig und gibt das von ihr entwickelte Liedler-Konzept an interessierte Therapeut*innen weiter. Sie ist in Wien in freier Praxis tätig.

Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten unter www.narbenzentrum.at

*Liedler, M., & Woisetschläger, G. (2019): Influence of postoperative adhesions after caesarean section on chronic lower back pain – A pilot study of osteopathic manipulative treatment. European Journal of Osteopathic Research, 1 (1), 38–46.

**Liedler, M.: Peritoneale Adhäsionen – Fasziale Behandlung nach dem Liedler-Konzept. Springer-Verlag (2020)

 

Offenlegung: Die Narbentherapie in der Praxis Michaela Liedler hat unsere Gastbloggerin Angelika Eisenhut auf eigene Verantwortung und auf eigene Rechnung bezahlt und erhalten.

Hinweis: Die hier geteilten Informationen sollen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz beitragen, ersetzen aber in keinem Fall die ärztliche Diagnose, Beratung und Behandlung.

Foto: Shutterstock

Previous Post Next Post

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner

Melde dich für den Arthrose Newsletter an und stärke dein Selbstmanagement! Alle Infos zum Datenschutz hier.