Knie-Scores bei Arthrose tauchen in der Medizin häufig auf. Im Alltag kennen sie viele Betroffene kaum. Was diese Scores messen und warum es sinnvoll ist, sie zu kennen.
Wer regelmäßig Studien zur Kniearthrose liest, begegnet ihnen ständig: KOOS, WOMAC, Oxford Knee Score oder andere Abkürzungen, hinter denen sich sogenannte Knie-Scores verbergen.
In wissenschaftlichen Arbeiten werden damit Behandlungsergebnisse verglichen, Beschwerden dokumentiert oder Veränderungen nach einer Therapie gemessen.
Im Alltag von Menschen mit Kniearthrose spielen diese Scores dagegen erstaunlich selten eine Rolle. Zumindest werden sie kaum erklärt.
Viele Betroffene wissen deshalb gar nicht, was sich hinter den Abkürzungen verbirgt – obwohl gerade ihre eigenen Angaben zu Schmerzen, Beweglichkeit und Alltag einen wesentlichen Teil dieser Bewertung ausmachen.
Zeit also, die wichtigsten Knie-Scores einmal verständlich zu erklären.
Was ist überhaupt ein Knie-Score?
Ein Knie-Score ist zunächst nichts anderes als ein standardisiertes Messinstrument. Mithilfe festgelegter Fragen oder Untersuchungen wird versucht, Beschwerden und Funktion des Kniegelenks vergleichbar zu erfassen.
Dabei geht es beispielsweise um Fragen wie:
- Wie stark sind die Schmerzen?
- Wie steif fühlt sich das Knie an?
- Wie gut funktioniert Treppensteigen?
- Gibt es Schwierigkeiten beim Aufstehen oder Gehen?
- Welche sportlichen oder alltäglichen Aktivitäten sind noch möglich?
- Wie stark beeinflusst das Knie die Lebensqualität?
Die Antworten werden nach einem bestimmten Schema ausgewertet und ergeben einen Punktwert.
Wichtig dabei: Nicht jeder Knie-Score misst dasselbe. Und ein Score ist auch keine Art „Arthrose-Note“, die allein darüber entscheidet, wie schwer eine Arthrose ist oder welche Behandlung notwendig ist.
KOOS: speziell auch für Menschen mit Kniearthrose
Der KOOS – Knee injury and Osteoarthritis Outcome Score – gehört zu den bekanntesten Instrumenten.
Er wurde in den 1990er-Jahren von der schwedischen Forscherin Ewa Roos und Kolleg:innen entwickelt. Ziel war ein Instrument, das sowohl bei Knieverletzungen als auch bei später entstehenden Beschwerden und Arthrose eingesetzt werden kann.
Der KOOS umfasst fünf Bereiche:
- Schmerzen
- andere Symptome wie Steifigkeit oder Schwellung
- Aktivitäten des täglichen Lebens
- Sport und Freizeit
- kniebezogene Lebensqualität
Gerade der letzte Punkt ist interessant. Es wird also nicht ausschließlich gefragt, ob ein Knie beispielsweise gebeugt werden kann, sondern auch, welchen Einfluss die Beschwerden auf das Leben haben.
Die offizielle Informationsplattform zum KOOS stellt Hintergrundinformationen, Fragebögen und verschiedene Sprachversionen zur Verfügung.
WOMAC: einer der Klassiker der Arthroseforschung
Der WOMAC – Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index – wurde speziell für Menschen mit Hüft- und Kniearthrose entwickelt.
Seine Entwicklung geht auf die 1980er-Jahre zurück. Der WOMAC konzentriert sich auf drei zentrale Bereiche:
- Schmerzen
- Steifigkeit
- körperliche Funktion
Gefragt wird beispielsweise nach Beschwerden beim Gehen, Treppensteigen, Sitzen oder bei anderen alltäglichen Tätigkeiten.
Wer wissenschaftliche Studien zu Kniearthrose liest, wird dem WOMAC immer wieder begegnen. Gerade bei Untersuchungen zu konservativen Therapien, Medikamenten oder Injektionen wird häufig anhand des WOMAC beurteilt, ob sich Schmerzen und Funktion verändert haben.
Oxford Knee Score: häufig rund um Knieprothesen
Ein weiterer bekannter Fragebogen ist der Oxford Knee Score (OKS). Er wurde in den 1990er-Jahren an der University of Oxford entwickelt und ursprünglich dafür konzipiert, die Ergebnisse nach Kniegelenkersatz aus Sicht der Patient:innen zu erfassen.
Der Fragebogen umfasst zwölf Fragen zu Schmerzen und Funktion im Alltag.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Nicht nur Ärzt:innen beurteilen das Ergebnis einer Operation. Entscheidend ist auch, wie Menschen selbst ihr Knie und ihre Funktionsfähigkeit erleben.
Lysholm-Score: ursprünglich für Knieverletzungen
Der Lysholm Knee Score stammt ursprünglich aus der Sportorthopädie und wurde Anfang der 1980er-Jahre von Jack Lysholm und Jon Gillquist entwickelt.
Bewertet werden unter anderem Schmerzen, Instabilität, Schwellungen, Hinken und Schwierigkeiten beim Treppensteigen oder in der Hocke.
Für die reine Arthrosebeurteilung steht der Lysholm-Score weniger im Mittelpunkt als KOOS oder WOMAC. Er kann aber beispielsweise interessant sein, wenn neben degenerativen Veränderungen auch frühere Bandverletzungen oder andere Knieprobleme eine Rolle spielen.
Tegner Activity Scale: Wie aktiv ist jemand noch?
Die Tegner Activity Scale betrachtet einen anderen Aspekt. Sie misst nicht in erster Linie Schmerzen, sondern das Aktivitätsniveau.
Die Skala reicht von sehr eingeschränkter Aktivität bis zu anspruchsvollem Wettkampfsport. Häufig wird sie gemeinsam mit anderen Scores eingesetzt.
Das zeigt bereits ein grundsätzliches Problem: Zwei Menschen können im Röntgenbild eine ähnliche Kniearthrose haben und trotzdem völlig unterschiedliche Anforderungen an ihr Knie stellen. Für den einen kann schmerzfreies Spazierengehen das wichtigste Ziel sein, für den anderen die Rückkehr zum Bergsport.
Nicht alle Scores werden von Patient:innen selbst ausgefüllt
Bei den verschiedenen Bewertungssystemen lohnt sich noch eine wichtige Unterscheidung.
KOOS und WOMAC gehören zu den sogenannten Patient Reported Outcome Measures (PROMs). Das bedeutet vereinfacht: Die Betroffenen selbst berichten, wie sie Schmerzen, Funktion und Lebensqualität erleben.
Daneben gibt es Scores, bei denen zusätzlich oder überwiegend medizinische Untersuchungsbefunde einfließen. Ein Beispiel ist der Knee Society Score, der vor allem im Zusammenhang mit Knieendoprothesen eingesetzt wird.
Ein Score kann also entweder stärker die medizinische Beurteilung oder stärker die Perspektive der Patient:innen abbilden – oder verschiedene Elemente miteinander verbinden.
Wer „bestimmt“ eigentlich solche Scores?
Knie-Scores werden nicht von einer einzelnen Behörde festgelegt. Viele dieser Instrumente sind aus wissenschaftlichen Forschungsprojekten entstanden.
Bevor ein Fragebogen international eingesetzt wird, muss allerdings geprüft werden, ob er tatsächlich das misst, was er messen soll. Dazu gehören unter anderem Untersuchungen zur Zuverlässigkeit, Vergleichbarkeit und sogenannten Validität. Auch Übersetzungen werden idealerweise wissenschaftlich überprüft und nicht einfach Wort für Wort übertragen.
Ein guter Score soll beispielsweise erkennen können, ob sich Beschwerden nach einer Behandlung tatsächlich verändert haben. Gleichzeitig sollten die Ergebnisse bei vergleichbaren Voraussetzungen reproduzierbar sein.
Dass bestimmte Scores heute weltweit verwendet werden, liegt daher vor allem daran, dass sie wissenschaftlich untersucht und über viele Jahre in Studien und klinischen Projekten etabliert wurden.
Warum begegnen Betroffene diesen Scores trotzdem so selten?
Genau das ist eigentlich die spannende Frage.
In der Arthroseforschung sind KOOS und WOMAC beinahe Alltag. Wer Studien zu neuen Medikamenten, Injektionstherapien, Bewegung, Physiotherapie oder Operationen liest, stößt regelmäßig auf Formulierungen wie „Verbesserung des WOMAC“ oder „Veränderung des KOOS“.
Im normalen Gespräch über Kniearthrose hört man davon dagegen vergleichsweise wenig.
Das muss nicht bedeuten, dass Scores in orthopädischen Einrichtungen überhaupt nicht erhoben werden. Sie werden beispielsweise in Studien, Registern, spezialisierten Kliniken oder zur Dokumentation von Behandlungsergebnissen eingesetzt. Aber häufig bleiben sie Teil der medizinischen Dokumentation und werden nicht zum Thema im Gespräch.
Möglicherweise liegt das auch daran, dass im Praxisalltag andere Dinge im Vordergrund stehen: Untersuchung, Röntgenbilder, MRT-Befunde, Diagnose und Therapieentscheidung.
Dabei könnte gerade die Patientenperspektive eine wertvolle Ergänzung sein.
Ein Röntgenbild kann Schmerzen nicht messen
Das ist für Arthrose besonders relevant.
Ein Röntgenbild kann Veränderungen im Gelenk zeigen. Es kann aber nicht beantworten, wie schwer das Treppensteigen fällt, ob nachts Schmerzen auftreten oder ob jemand wegen seines Knies nicht mehr wandern gehen kann.
Genau hier setzen patientenberichtete Scores an.
Sie ersetzen weder Untersuchung noch Bildgebung. Sie erfassen aber etwas, das auf keinem Röntgenbild zu sehen ist: wie sich ein erkranktes Knie im tatsächlichen Leben bemerkbar macht.
Und genau deshalb spielen solche Messinstrumente auch in der modernen Arthroseforschung eine wichtige Rolle.
Was bedeutet ein Score-Wert für Betroffene?
Ein einzelner Punktwert sollte nicht überbewertet werden.
Interessanter kann die Entwicklung über längere Zeit sein. Wird beispielsweise vor Beginn einer Therapie ein standardisierter Fragebogen ausgefüllt und einige Monate später erneut, lässt sich nachvollziehen, ob sich bestimmte Bereiche verändert haben.
Dabei muss allerdings auch die jeweilige Auswertung beachtet werden. Bei verschiedenen Scores bedeuten hohe beziehungsweise niedrige Werte nicht automatisch dasselbe. Deshalb sollte ein Zahlenwert nie ohne Kenntnis des jeweiligen Bewertungssystems interpretiert werden.
Knie-Scores sind außerdem kein Selbstdiagnoseinstrument und ersetzen keine medizinische Beurteilung.
Warum es trotzdem sinnvoll ist, KOOS & Co. zu kennen
Menschen mit Arthrose müssen nicht sämtliche Punktesysteme auswendig kennen. Es ist aber hilfreich zu wissen, dass es sie gibt.
Vor allem beim Lesen von Studien lässt sich dadurch wesentlich besser einschätzen, was mit Aussagen wie „signifikante Verbesserung im WOMAC“ eigentlich gemeint ist.
Wie solche Scores in konkreten Arthrose-Studien eingesetzt werden, zeigen beispielsweise die Beiträge zu Semaglutid bei Kniearthrose und zur Gelenkdistraktion bei Kniearthrose im Arthrose Magazin.
Und vielleicht wäre es auch im Behandlungsalltag sinnvoll, häufiger über solche Instrumente zu sprechen. Nicht jeder Verlauf lässt sich auf einem Röntgenbild ablesen. Schmerz, Funktion und Lebensqualität gehören genauso zum Gesamtbild einer Arthrose.
Gelenkdistraktion bei Kniearthrose: Vier Methoden im Vergleich (ohne OP!)
Wie bekannt sind Knie-Scores unter Betroffenen?
Aus dem Austausch mit Menschen mit Arthrose entsteht bisher zumindest der Eindruck, dass KOOS, WOMAC & Co. außerhalb von Forschung und spezialisierten Einrichtungen wenig bekannt sind.
Deshalb wäre interessant zu wissen:
Hat ein Orthopäde oder eine Orthopädin schon einmal einen Knie-Score erklärt oder gemeinsam einen solchen Fragebogen ausgewertet?
Wurde vor oder nach einer Therapie ein KOOS, WOMAC oder anderer Score erhoben?
Und war überhaupt bekannt, was diese Abkürzungen bedeuten?
Erfahrungen dazu sind besonders spannend – gerade weil diese Scores in wissenschaftlichen Studien so selbstverständlich verwendet werden und in der Patienteninformation gleichzeitig kaum vorkommen.
Links zum Weiterlesen:
KOOS – Knee injury and Osteoarthritis Outcome Score:
WOMAC – Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index:
Oxford Knee Score und weitere Patient Reported Outcome Measures – University of Oxford:
www.innovation.ox.ac.uk/outcome-measures
Knee Injury and Osteoarthritis Outcome Score (KOOS) – Heartbeat Medical, deutschsprachige Erklärung:
www.heartbeat-med.com/de/resources/knee-injury-and-osteoarthritis-outcome-score-koos
KOOS, WOMAC und andere Knie-Scores wirken auf den ersten Blick wie Fachbegriffe aus wissenschaftlichen Publikationen.
Dahinter steckt jedoch eine eigentlich sehr patientennahe Idee: Nicht nur Röntgenbilder und medizinische Befunde sollen zeigen, wie es einem Knie geht. Auch das, was Betroffene selbst erleben – Schmerzen, Einschränkungen im Alltag, Aktivität und Lebensqualität –, soll erfasst und vergleichbar gemacht werden.
Menschen mit Arthrose müssen deshalb nicht jeden Score und schon gar nicht jede Punkteberechnung kennen.
Zu wissen, was damit gemessen wird und warum diese Werte in Studien eine so große Rolle spielen, kann aber helfen, Forschungsergebnisse besser einzuordnen und vielleicht auch beim nächsten Arztgespräch genauer hinzuschauen, wenn KOOS, WOMAC oder eine andere dieser Abkürzungen auftaucht.
Hinweis: Die hier geteilten Informationen dienen der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzen keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung.
Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin und Herausgeberin des Arthrose-Magazins.
Illustration: KI-generiertes Bild (Symbolbild)









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