Zuletzt aktualisiert am 26. Januar 2026 von tirolturtle
Wie moderne Arthroseforschung in Australien neue Wege aufzeigt: Prof. David Hunter über Prävention, Bewegung, Stoffwechsel und aktuelle Erkenntnisse zur Arthrose.
Arthrose galt lange Zeit als klassische Verschleißerkrankung – als unausweichliche Folge von Alter, Belastung und „Abnützung“. Doch diese Sichtweise ist längst überholt. Die moderne Forschung zeigt ein deutlich differenzierteres Bild: Arthrose ist ein komplexer, aktiver Prozess, der von Entzündung, Stoffwechsel, Lebensstil und biomechanischen Faktoren beeinflusst wird.
Einer der Wissenschaftler, die dieses Umdenken maßgeblich geprägt haben, ist Professor David Hunter von der Universität Sydney. Er zählt weltweit zu den führenden Arthrose-Forschern und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, wie Arthrose entsteht – und vor allem, wie sie beeinflusst oder sogar verhindert werden kann.
Arthrose ist kein reiner Verschleiß
Schon vor Jahren machte David Hunter deutlich, dass Arthrose nicht einfach das Ergebnis „abgenutzter Gelenke“ ist. Gelenke sind keine statischen Strukturen, sondern biologisch aktive Systeme mit Reparaturmechanismen.
Entscheidend ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren:
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mechanische Belastung
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entzündliche Prozesse
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Stoffwechsel und Körpergewicht
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genetische Einflüsse
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Lebensstil und Bewegung
Besonders wichtig: Bewegung schadet dem Gelenk nicht – im Gegenteil. Regelmäßige, angepasste Aktivität wirkt schützend und unterstützt die Gelenkgesundheit.
Auch die lange verbreitete Annahme, dass Laufen zwangsläufig Arthrose fördert, gilt heute als widerlegt. Studien zeigen, dass körperlich aktive Menschen kein höheres Arthroserisiko haben – oft sogar ein geringeres.
Was steht heute im Fokus der Arthroseforschung
Die heutige Arthroseforschung betrachtet die Erkrankung deutlich differenzierter als noch vor einigen Jahren. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr allein strukturelle Veränderungen am Gelenk, sondern vor allem entzündliche Prozesse, Stoffwechselmechanismen und der Einfluss des Lebensstils.
Ein zentrales Thema ist dabei die frühe Phase der Erkrankung. Arthrose beginnt lange bevor deutliche Schäden im Röntgen sichtbar werden. Entzündliche Prozesse, Überlastung, metabolische Faktoren und Bewegungsmangel spielen bereits in frühen Stadien eine entscheidende Rolle.
Auch therapeutisch hat sich der Blick erweitert. Neben Bewegung und Gewichtsmanagement rücken zunehmend systemische Zusammenhänge in den Fokus. In aktuellen Diskussionen werden unter anderem auch Medikamente aus der Stoffwechselforschung – etwa GLP-1-Rezeptoragonisten – als mögliche indirekte Einflussfaktoren auf den Krankheitsverlauf untersucht. Nicht als klassische Arthrosetherapie, sondern als Teil eines umfassenderen Präventions- und Behandlungskonzepts.
Diese Entwicklung unterstreicht einen zentralen Punkt: Arthrose ist keine rein lokale Gelenkerkrankung, sondern ein komplexes Zusammenspiel aus Mechanik, Entzündung und Stoffwechsel.
Arthroseforschung Australien: Podcast mit Prof. David Hunter
In einer Folge des Podcasts „Tomorrow’s Medicine Today“ greift Prof. David Hunter genau diese Zusammenhänge auf. Er betont die Bedeutung früher Intervention, gezielter Bewegung, Gewichtsregulation und langfristiger Präventionsstrategien.
Dabei wird deutlich, dass der größte therapeutische Hebel nicht in einzelnen Maßnahmen liegt, sondern in der Kombination aus Wissen, aktiver Lebensführung und realistischen Erwartungen an moderne Medizin.
Der Podcast mit David Hunter ist hier abrufbar:
https://www.nslhd.health.nsw.gov.au/Research/Pages/Tackling-Osteoarthritis-at-Scale.aspx
oder auf Spotify
Bewegung, Gewicht und Selbstmanagement als Schlüssel
Über all die Jahre hinweg bleibt Hunters zentrale Botschaft konstant:
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regelmäßige, angepasste Bewegung
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aktives Gewichtsmanagement
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informierter Umgang mit der Erkrankung
Diese Faktoren beeinflussen den Verlauf der Arthrose stärker als viele medikamentöse Maßnahmen.
Kritisch sieht Hunter hingegen:
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wiederholte Kortisoninjektionen
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rein symptomorientierte Therapien
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frühzeitige operative Eingriffe ohne Ausschöpfen konservativer Maßnahmen
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unrealistische Erwartungen an Nahrungsergänzungsmittel
Sprache beeinflusst den Krankheitsverlauf
Ein wichtiger Punkt, den Hunter immer wieder betont, betrifft die Sprache in der Medizin. Begriffe wie „bone on bone“ oder „Verschleiß“ vermitteln Betroffenen das Gefühl von Unausweichlichkeit und Fragilität – und führen häufig zu Bewegungsvermeidung.
Dabei ist gerade Bewegung ein zentraler Schutzfaktor.
Arthrose bedeutet nicht Stillstand. Entscheidend ist ein informierter, aktiver Umgang mit der Erkrankung.
Die Aussagen von David Hunter decken sich in vielen Punkten mit aktuellen internationalen Arbeiten – unter anderem mit den Einschätzungen von Prof. Ali Mobasheri zu Entzündung, Stoffwechsel und regenerativen Ansätzen bei Arthrose.
Eine vertiefende Einordnung dazu findet sich im Beitrag über Arthrose-Forscher Prof. Ali Mobasheri:
„Regenerative Ansätze bei Arthrose – neue Perspektiven aus der Forschung“
Die moderne Arthroseforschung zeigt deutlich: Arthrose ist kein unausweichliches Schicksal. Frühe Prävention, Bewegung, Gewichtsmanagement und ein besseres Verständnis der Erkrankung können den Verlauf maßgeblich beeinflussen. Die Arbeit von David Hunter macht deutlich, dass der Schlüssel nicht in einer einzelnen Therapie liegt – sondern in einem langfristigen, ganzheitlichen Ansatz.
Zu David Hunter:
David Hunter ist Professor of Rheumatology at the University of Sydney and Royal North Shore Hospital und Chairman des medizinischen Forschungszentrums IBJR – Institute of Bone and Joint Research. Prof. David Hunter gilt als weltweit anerkannter Experte für Arthrose.
Hinweis: Die hier geteilten Informationen sollen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz beitragen, ersetzen aber in keinem Fall die ärztliche Diagnose, Beratung und Behandlung.
Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin & Herausgeberin Österreichisches Arthrose Magazin
Bild: Illustration, KI-gestützt erstellt / Redaktion tirolturtle.at









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