Was bei Hüftarthrose möglich ist und wie der Gelenk-Kompass bei der Vorbereitung auf das Arztgespräch helfen kann, erklärte Dr. Wolfgang Zinser beim Ötztal.Arthrose.Campus.
Hüftbeschwerden frühzeitig erkennen, Behandlungsmöglichkeiten verstehen und selbst etwas beitragen: Darum ging es beim Vortragsabend mit Dr. Wolfgang Zinser im Rahmen des Ötztal.Arthrose.Campus im Vivea Hotel Umhausen.
Mit Zinser war ein Spezialist für Gelenkerhalt und Knorpelregeneration zu Gast. Der Facharzt für Orthopädie und Traumatologie ist an der Praxis Orthoexpert in der Steiermark und der EMCO Privatklinik Salzburg tätig. Er leitet das Salzburger Zentrum für leitlinienbasierte Knorpelregenerationstherapien an Hüfte, Knie und Sprunggelenk.
Dr. Wolfgang Zinser ist außerdem Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Knorpelregeneration und Gelenkerhalt (QKG), Gründungsmitglied des Expertenkreises für Gelenkerhalt und Knorpelregeneration Österreich und Leiter der Hüft-Sektion Sport und Gelenkerhaltende Orthopädie und Traumatologie der Österreichischen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie (ÖGOUT).
Eine zentrale Botschaft des Abends: Bei bestimmten Veränderungen der Hüftform lässt sich frühzeitig ansetzen – bevor ausgeprägte Gelenkschäden entstanden sind.
Zinser zeigte, wie gelenkerhaltende Behandlungen dazu beitragen können, die Entwicklung einer Arthrose zu verzögern oder möglicherweise zu verhindern. Damit kann sich auch die Notwendigkeit eines künstlichen Gelenks hinausschieben oder im günstigen Fall vermeiden lassen.
Das bedeutet keine Garantie. Es macht aber deutlich, warum anhaltende Hüftbeschwerden auch bei jüngeren Menschen eine gezielte Abklärung verdienen.
Hüftbeschwerden frühzeitig ernst nehmen
Wenn die Hüftpfanne den Hüftkopf nicht ausreichend überdeckt oder Knochen bei bestimmten Bewegungen zu früh aneinanderstoßen, kann das Gelenk ungünstig belastet werden. Zinser erläuterte, warum solche Veränderungen erkannt werden sollten, bevor größere Schäden entstehen.
Als mögliche Beschwerden nannte er unter anderem anhaltende Hüft- oder Leistenschmerzen sowie Probleme beim tiefen Sitzen oder bei längeren Autofahrten. Hier kommt es auf eine genaue Untersuchung an: Woher kommen die Beschwerden? Welche Rolle spielt die Form des Gelenks? Und gibt es bereits Knorpelschäden?
Zugleich betonte er, dass eine auffällige Hüftform ohne Beschwerden nicht automatisch operiert werden muss. Solche Veränderungen können zunächst beobachtet werden. In der Fragerunde erklärte er zum sogenannten Impingement außerdem, dass zunächst eine Behandlung ohne Operation erfolgen soll.
Gelenkerhalt oder künstliche Hüfte? Die Begriffe aus dem Vortrag
Zinser stellte verschiedene Operationsmöglichkeiten vor. Einige setzen an der Form des eigenen Gelenks an, andere ersetzen das geschädigte Gelenk. Diese Begriffe fielen dabei:
Hüftdysplasie: Die Hüftpfanne überdeckt den Hüftkopf nicht ausreichend. Zinser erklärte, wie dadurch eine ungünstige Belastung entstehen kann.
PAO – periacetabuläre Osteotomie: Eine gelenkerhaltende Operation bei Hüftdysplasie. Dabei wird die Hüftpfanne nach gezielten Knochenschnitten so gedreht, dass sie den Hüftkopf besser überdeckt.
Impingement: Knochen stoßen bei bestimmten Bewegungen zu früh aneinander. Beim Cam-Impingement liegt ein knöcherner Vorsprung am Übergang von Hüftkopf zu Schenkelhals vor. Beim Pincer-Impingement steht der Pfannenrand zu weit über.
Hüftarthroskopie: Eine Gelenkspiegelung über kleine Zugänge. Zinser zeigte, wie dabei beispielsweise störende Knochenvorsprünge bei einem Impingement abgetragen werden können.
Kurzschaftprothese: Ein künstliches Hüftgelenk, dessen Schaft – der im Oberschenkelknochen verankerte Teil – kürzer ist als bei einer herkömmlichen Schaftprothese.
Minimalinvasiver Zugang: Ein Operationszugang, bei dem Muskeln und Weichteile möglichst geschont werden. Zinser betonte: Entscheidend ist nicht der kleinste Schnitt, sondern dass die Prothese richtig sitzt.
Welche Möglichkeit infrage kommt, hängt vom jeweiligen Befund und den Beschwerden ab. Ob ein Eingriff sinnvoll ist und was dabei genau gemacht wird, muss individuell im ärztlichen Gespräch geklärt werden.
Was bei bestehender Arthrose selbst möglich ist
Auch für Menschen, die bereits eine Hüftarthrose haben, nahm Zinser viele Fragen auf: Welche Bewegung passt? Was bringt Muskeltraining? Worauf kommt es bei der Ernährung an?
Bei der Bewegung ging es ihm darum, etwas zu finden, das Freude macht und möglichst wenig Beschwerden auslöst. Wer beim längeren Gehen oder Bergabgehen Schmerzen bekommt, kann beispielsweise beim Radfahren besser zurechtkommen. Auch Bewegung im Wasser war Thema. Stärkere Schmerzen dauerhaft zu übergehen, empfahl er dagegen nicht.
Konkret nannte er Krafttraining an zwei bis drei Tagen pro Woche sowie ergänzende Dehnübungen – möglichst angeleitet durch Physiotherapie oder entsprechend qualifizierte Trainer:innen.
Dabei kommt es auch auf die eigene Umsetzung an: Zinser betonte, dass Übungen und Bewegung über die angeleiteten Termine hinaus fortgeführt werden sollten.
Beim Abnehmen die Muskulatur erhalten
Bei einer Gewichtsabnahme sollte nach seiner Darstellung nicht allein die Zahl auf der Waage zählen. Zinser betonte, dass Muskulatur erhalten bleiben soll, während Körperfett reduziert wird. Dazu sprach er über die Verbindung von Krafttraining und ausreichender Eiweißzufuhr.
Bei der Ernährung orientierte er sich an einer überwiegend pflanzenbasierten, mediterranen Kost mit viel Gemüse. Nahrungsergänzungsmittel könnten eine ungünstige Ernährung nicht ausgleichen.
Auch Kollagenpräparate kamen zur Sprache, insbesondere UC-II-Kollagen. Zinser berichtete, dass manche seiner Patient:innen damit eine Linderung ihrer Beschwerden erleben. Die Vorstellung, mit solchen Präparaten neuen Knorpel aufzubauen, wies er ausdrücklich zurück.
Daneben sprach er über Weihrauch, Curcumin und Astaxanthin. Seine Ausführungen dazu umfassten auch persönliche Behandlungserfahrungen; bei Weihrauch und Astaxanthin verwies er in der Fragerunde ausdrücklich auf die nicht eindeutige Studienlage.
Welche Unterstützung gibt es zusätzlich?
Zinser besprach unter anderem Physiotherapie, Gehhilfen, Orthesen, Medikamente und Injektionen. Welche Maßnahmen passen, hängt von den jeweiligen Beschwerden und der persönlichen Situation ab.
Als praktische Unterstützung bei längeren Wegen nannte er beispielsweise Walkingstöcke. Auch die Hüftorthese, die Bauerfeind vor Ort vorstellte, war Thema des Abends.
Bei entzündungshemmenden Schmerzmitteln verwies er auf mögliche Nebenwirkungen einer längerfristigen Einnahme, insbesondere für Magen, Darm und Nieren. Medikamente waren in seinem Vortrag deshalb ein Teil der Behandlung – neben Bewegung und weiteren Maßnahmen.
Bei den Injektionen erläuterte er unter anderem PRP, also plättchenreiches Plasma, das aus körpereigenem Blut gewonnen wird. Er schilderte seine Erfahrungen mit PRP und dessen Kombination mit Hyaluronsäure. Zur Hyaluronsäure sprach er sowohl die Diskussion um die Studienergebnisse als auch unterschiedliche Erfahrungen seiner Patient:innen an. Nicht alle würden darauf ansprechen.
Zur Gelenkdistraktion, einer Behandlung, bei der Zug auf das Gelenk ausgeübt wird, schilderte er erste positive Rückmeldungen aus seiner Praxis. Zugleich machte er deutlich, dass weitere Untersuchungen notwendig sind.
Fragen aus dem Publikum: Woher kommt der Schmerz?
Die zahlreichen Fragen machten deutlich, wie unterschiedlich die Beschwerden und Erfahrungen der Gäste waren. Zinser erläuterte beispielsweise, dass Schmerzen an der Außenseite der Hüfte auch mit überlasteten Sehnen zusammenhängen können. Deshalb muss genauer untersucht werden, welche Struktur tatsächlich Beschwerden verursacht.
In diesem Zusammenhang kam auch die Stoßwellentherapie zur Sprache. Zinser ordnete sie vor allem bestimmten Sehnenbeschwerden zu. Als klassische Behandlung der Arthrose selbst stellte er sie nicht dar.
Auch eine Baker-Zyste am Knie wurde angesprochen. Zinser erklärte, warum sie nach einer Entfernung wiederkommen kann: Bleibt die zugrunde liegende Entzündung im Gelenk bestehen, kann sich erneut Flüssigkeit in der Kniekehle sammeln. Im Vordergrund stand für ihn deshalb die Behandlung der Ursache.
Wann ist eine Hüftprothese sinnvoll?
Darüber entscheidet für Zinser nicht allein das Röntgenbild. Wichtig ist ebenso, wie sehr die Beschwerden den Alltag beeinträchtigen: Wie weit ist Gehen noch möglich? Stören Schmerzen den Schlaf? Werden regelmäßig Schmerzmittel benötigt? Und was haben bisherige Behandlungen gebracht?
Bei hohem Leidensdruck kann ein künstliches Hüftgelenk eine sinnvolle Möglichkeit sein. Zuvor sollten die passenden Behandlungen ohne Operation genutzt und anschließend Nutzen und Risiken individuell abgewogen werden.
Gelenk-Kompass: vorbereitet ins Arztgespräch
Dr. Wolfgang Zinser hat mit ArthroConcept und der Gesellschaft für Knorpelregeneration und Gelenkerhalt (QKG) einen kostenlosen Online-Fragebogen für Menschen mit Knie- und Hüftbeschwerden entwickelt.
Beim Ötztal.Arthrose.Campus im Vivea Hotel Umhausen stellte er den „Gelenk-Kompass für Knie und Hüfte“ vor.
Hinter ArthroConcept stehen der Orthopäde Wolfgang Zinser als medizinischer Leiter und Tom Zinser, der unter anderem die patientenorientierte Kommunikation und wissenschaftliche Evaluation verantwortet.
Was der Gelenk-Kompass erfasst:
Der Fragebogen dauert etwa 15 Minuten und kann kostenlos ohne Anmeldung ausgefüllt werden. Er berücksichtigt unter anderem Beschwerden und Einschränkungen, Bewegung und Training, Ernährung einschließlich Nahrungsergänzungsmitteln, Hilfsmittel, Medikamente und bisherige Behandlungen.
Auch das eigene Arthrosewissen und der Body-Mass-Index – das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße – fließen ein.
Ziel ist eine Bestandsaufnahme: Was wird bereits für die Gelenke getan? Wo fehlen Informationen? Welche weiteren Möglichkeiten könnten im ärztlichen Gespräch angesprochen werden?
Eine persönliche Auswertung zum Mitnehmen
Nach dem Ausfüllen steht eine persönliche Auswertung zur Verfügung, die als PDF ausgedruckt werden kann. Das vorliegende Auswertungsbeispiel zeigt Übersichten zu Schmerzen, Gelenkfunktion, Aktivität, Ernährung und Arthrosewissen.
Die weiteren Seiten greifen die einzelnen Bereiche auf: Welche Maßnahmen werden bereits umgesetzt? Wo könnten Veränderungen sinnvoll sein? Welche Hilfsmittel oder Behandlungen sollten zunächst ärztlich abgeklärt werden?
Ergänzend enthält die Auswertung Informationen zu verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten. Dabei werden die dargestellte Forschungslage und zusätzliche Einschätzungen von ArthroConcept getrennt gekennzeichnet.
Die Ergebnisse beruhen auf den selbst eingegebenen Angaben. Sie dienen der Orientierung und ersetzen keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder individuelle Therapieempfehlung.
Die begrenzte Zeit beim Arzttermin nutzen
Die PDF-Auswertung lässt sich zum Arztgespräch mitnehmen. Sie kann helfen, bisherige Maßnahmen, offene Fragen und den eigenen Unterstützungsbedarf übersichtlich anzusprechen.
Nach Angaben Zinsers möchten ärztliche Kolleg:innen den Fragebogen auch vor dem Ordinationstermin einsetzen. So könnte bereits vor dem Gespräch erkennbar werden, in welchen Bereichen Informationen fehlen und welche Behandlungsmöglichkeiten noch besprochen werden sollten.
Was die Entwickler herausfinden möchten
ArthroConcept und die QKG verfolgen mit dem Gelenk-Kompass außerdem das Ziel, den Informations- und Unterstützungsbedarf von Betroffenen besser zu verstehen.
Zinser möchte herausfinden, in welchen Bereichen noch Lücken bestehen – etwa beim Wissen über Arthrose, bei Bewegung und Training oder bei der Kenntnis verschiedener Behandlungsmöglichkeiten. Mit Zustimmung der Teilnehmenden sollen die Angaben dafür statistisch ausgewertet werden.
Die Erkenntnisse sollen dazu beitragen, die Aufklärung gezielter an den tatsächlichen Fragen und Bedürfnissen von Menschen mit Knie- und Hüftbeschwerden auszurichten.
Zum kostenlosen Gelenk-Kompass für Knie und Hüfte
Besonders viel Gewicht gab Zinser dem Wissen über die eigene Erkrankung. Die Möglichkeiten zu verstehen, Fragen zu stellen und zu wissen, was im Alltag selbst getan werden kann, gehört für ihn zur Behandlung dazu. Mit dem Vortrag und der anschließenden Fragerunde bot der Arthrose.Campus dafür Gelegenheit.
Hinweis: Die hier geteilten Informationen dienen der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzen keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung.
Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin und Herausgeberin des Arthrose-Magazins.
Fotos: Barbara Egger-Spiess



























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