Nach einem Gelenkersatz ist Thromboseprophylaxe wichtig. Doch muss sie wirklich für alle gleich aussehen?
Nach Hüft- oder Knieprothesen gehören Thrombosespritzen für viele zum Alltag. Doch benötigt wirklich jeder Mensch dieselbe Prophylaxe? Eine große Registerstudie und neue Empfehlungen aus Österreich zeigen, warum das individuelle Risiko zunehmend wichtiger wird.
Nach einer größeren Gelenkoperation kann das Risiko für eine tiefe Venenthrombose oder eine Lungenembolie erhöht sein. Zur Vorbeugung kommen Medikamtene, Kompression und eine möglichst frühe Mobilisation zum Einsatz.
Eine große britische Registerstudie liefert dazu interessante Hinweise – insbesondere für Menschen, deren persönliches Thromboserisiko als niedrig eingestuft wird.
Mehr als 13.000 Hüft- und Knieoperationen ausgewertet
Für die Studie wurden die Daten von insgesamt 13.384 Menschen ausgewertet, die einen Hüft- oder Kniegelenkersatz erhalten hatten. 6.533 hatten eine Hüftprothese und 6.851 eine Knieprothese bekommen. Die Operationen fanden zwischen 1999 und 2016 statt.
Vor der Operation wurde das individuelle Thromboserisiko anhand verschiedener Faktoren eingeschätzt. Berücksichtigt wurden beispielsweise frühere tiefe Venenthrombosen oder Lungenembolien – auch entsprechende Erkrankungen in der Familie –, eine aktive Krebserkrankung, bekannte Störungen der Blutgerinnung, bestimmte Medikamente und weitere Vorerkrankungen. Auch starkes Übergewicht mit einem BMI über 35 wurde als Risikofaktor berücksichtigt.
Mehr als 86 Prozent der Patient:innen wurden der Gruppe mit niedrigem Thromboserisiko zugeordnet.
Mechanische Prophylaxe statt zusätzlicher Medikamente
Bei diesen Niedrigrisikopatient:innen kam eine sogenannte Intermittierende Impulskompression (IIK) zum Einsatz. Dabei erzeugt ein spezielles Gerät wiederholt kurze Druckimpulse und unterstützt damit den venösen Blutfluss.
Rund drei Viertel der Niedrigrisikopatient:innen – genau 76,7 Prozent – erhielten ausschließlich diese mechanische Prophylaxe. 23,3 Prozent nahmen zusätzlich Aspirin oder Clopidogrel ein.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Behandlung war die frühe Bewegung: Alle Patient:innen wurden bereits ab dem ersten Tag nach der Operation im Rahmen eines sogenannten Enhanced-Recovery-Programms mobilisiert.
Solche Programme, häufig auch als ERAS oder Fast Track bezeichnet, sollen die Erholung nach einer Operation beschleunigen und Patient:innen möglichst früh wieder in Bewegung bringen.
Fast Track bei Knie- und Hüftprothesen: schneller mobil nach der OP
Kein signifikanter Unterschied bei Thrombosen und Lungenembolien
Beim Vergleich der beiden Niedrigrisikogruppen zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied bei venösen Thromboembolien.
Die zusätzliche Einnahme von Aspirin oder Clopidogrel war in dieser Auswertung also nicht mit einer nachweisbaren Verringerung dieser Ereignisse gegenüber der alleinigen mechanischen Prophylaxe verbunden. Auch bei den Infektionsraten gab es keinen signifikanten Unterschied.
Über alle 13.384 untersuchten Patient:innen hinweg – also unabhängig von Risikogruppe und Art der Prophylaxe – wurden innerhalb von sechs Monaten 65 klinisch erkennbare tiefe Venenthrombosen und 58 symptomatische Lungenembolien dokumentiert. Das entspricht 0,48 beziehungsweise 0,42 Prozent.
Was lässt sich daraus für Patient:innen ableiten?
Die Ergebnisse sprechen dafür, die Thromboseprophylaxe nach einem Hüft- oder Kniegelenkersatz nicht völlig losgelöst vom persönlichen Risiko zu betrachten. Bei sorgfältig ausgewählten Menschen mit niedrigem Risiko könnten mechanische Verfahren und die frühe Mobilisation eine wichtige Rolle spielen.
Die Studie bedeutet allerdings nicht, dass nach einer Hüft- oder Knieprothese grundsätzlich auf Medikamente verzichtet werden kann.
Und gerade beim Titel mit den Thrombosespritzen ist eine Unterscheidung wichtig: Die britische Studie hat nicht untersucht, ob klassische Heparinspritzen einfach weggelassen werden können.
Verglichen wurden bei den Niedrigrisikopatient:innen eine mechanische Impulskompression allein und dieselbe mechanische Prophylaxe in Kombination mit Aspirin oder Clopidogrel.
Hinzu kommt: Es handelt sich um eine Registerstudie aus einem einzelnen britischen Zentrum. Die Daten stammen aus den Jahren 1999 bis 2016, veröffentlicht wurde die Untersuchung 2020.
Die Ergebnisse liefern deshalb interessante Hinweise, ersetzen aber weder aktuelle Empfehlungen noch die individuelle medizinische Entscheidung.
Und wie sieht es aktuell in Österreich aus?
Genau an dieser Stelle wird das Thema besonders interessant: Im August 2026 wurde ein neuer österreichischer interdisziplinärer Konsensus zur Thromboseprophylaxe in Orthopädie und Traumatologie veröffentlicht.
Die bisherige österreichische Empfehlung stammte aus dem Jahr 2014 und bildete nach Einschätzung der Fachleute die heutigen medikamentösen und nichtmedikamentösen Strategien nicht mehr ausreichend ab.
An der neuen Empfehlung waren Vertreter:innen zahlreicher österreichischer medizinischer Fachgesellschaften aus unterschiedlichen Disziplinen beteiligt. Ziel sind ausdrücklich stärker strukturierte und risikoadaptierte Empfehlungen, die auch die österreichische Versorgungssituation berücksichtigen.
Nicht nur die Operation entscheidet
Auch der österreichische Konsensus stellt die individuelle Risikoabwägung in den Mittelpunkt. Das persönliche Thromboserisiko und das Blutungsrisiko sollen gemeinsam berücksichtigt werden, wenn entschieden wird, ob eine medikamentöse Prophylaxe notwendig ist, welches Medikament eingesetzt wird und wie lange die Behandlung erfolgen soll.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Mobilität. Frühmobilisation gilt als Basismaßnahme der nichtmedikamentösen Thromboseprophylaxe. Bei Hüft- und Knieprothesen sollen nach dem neuen Konsensus Fast-Track-Konzepte bevorzugt werden, die eine rasche Mobilisation nach dem Eingriff vorsehen.
Damit findet sich ein Grundgedanke der britischen Untersuchung auch in der aktuellen österreichischen Diskussion wieder: Wie hoch das Thromboserisiko tatsächlich ist, hängt nicht nur davon ab, dass eine Operation stattgefunden hat, sondern auch von individuellen Risikofaktoren und davon, wie rasch jemand wieder mobil wird.
Die Thrombosespritze bleibt trotzdem wichtig
Das bedeutet jedoch keineswegs das Ende der klassischen Thrombosespritze.
Niedermolekulare Heparine, die üblicherweise unter die Haut gespritzt werden, bezeichnet der österreichische Konsensus weiterhin als Standard der medikamentösen Thromboseprophylaxe.
Nach einer elektiven Hüft- oder Knieprothese stehen außerdem bestimmte direkte orale Gerinnungshemmer zur Verfügung. Auch Acetylsalicylsäure (ASS) wird im Konsensus für bestimmte Situationen behandelt.
Welche Strategie gewählt wird, soll sich aber stärker an der jeweiligen Situation orientieren. Genau diese individuelle Abwägung zwischen Thromboserisiko, Blutungsrisiko, Art des Eingriffs und Mobilität zieht sich durch die neuen österreichischen Empfehlungen.
Bemerkenswert ist außerdem ein Punkt, der im Alltag leicht untergeht: Die individuell festgelegte Strategie soll mit den Patient:innen besprochen werden – einschließlich Nutzen, Risiken und möglicher Alternativen. Das soll auch dazu beitragen, dass eine verordnete Prophylaxe nach der Entlassung zu Hause tatsächlich weitergeführt wird.
Früh wieder auf die Beine kommen
Damit bekommt die frühe Mobilisation nach einer Gelenkoperation noch einmal eine andere Bedeutung. Sie dient nicht nur dazu, Beweglichkeit und Selbstständigkeit möglichst rasch zurückzugewinnen. Bewegung ist gleichzeitig Bestandteil der Thromboseprophylaxe.
Mechanische Verfahren wie die intermittierende Impulskompression setzen ebenfalls an diesem Prinzip an: Sie sollen den Blutfluss in den Venen unterstützen und einer Blutstauung entgegenwirken. Der österreichische Konsensus zählt deshalb sowohl die Frühmobilisation als auch mechanische Verfahren zu den nichtmedikamentösen Möglichkeiten der VTE-Prophylaxe.
Die britische Registerstudie zeigt vor allem, wie wichtig die individuelle Risikoeinschätzung nach einem Gelenkersatz sein kann.
Bei Patient:innen mit niedrigem Thromboserisiko waren in dieser Auswertung mechanische Impulskompression und frühe Mobilisation ohne zusätzliche Gabe von Aspirin oder Clopidogrel nicht mit höheren Raten klinisch festgestellter venöser Thromboembolien verbunden.
Der neue österreichische Konsensus von 2026 geht ebenfalls in Richtung einer stärker risikoadaptierten Thromboseprophylaxe und räumt der frühen Mobilisation einen wichtigen Stellenwert ein. Gleichzeitig bleiben Medikamente – darunter die vielen Patient:innen bekannten Heparinspritzen – ein wesentlicher Bestandteil der Prophylaxe.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob Thrombosespritzen generell notwendig oder unnötig sind. Vielmehr geht es darum, welche Thromboseprophylaxe für welchen Menschen nach welchem Eingriff tatsächlich notwendig ist.
Eine verordnete medikamentöse Thromboseprophylaxe sollte deshalb nicht aufgrund solcher Studien eigenständig abgesetzt oder verändert werden.
Hinweis: Die hier geteilten Informationen dienen der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzen keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung.
Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin und Herausgeberin des Arthrose-Magazins.
Illustration: KI-generiertes Bild (Symbolbild)









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