Regenerative Ansätze bei Arthrose: Expertengespräch mit Arthrose-Forscher Ali Mobasheri zu Stammzellen- und Gentherapie.
In einem öffentlich zugänglichen LinkedIn-Live-Gespräch diskutierten Oscar Tellez und der international renommierte Arthroseforscher Ali Mobasheri aktuelle Entwicklungen in der regenerativen Gelenkmedizin. Im Mittelpunkt standen Stammzelltherapien, zellfreie Ansätze wie Secretome und Exosomen sowie Gentherapie bei Arthrose.
Der folgende Beitrag gibt den Inhalt des Gesprächs strukturiert und quellennahe wieder.
1. Ausgangspunkt des Gesprächs: Erwartungen an Stammzellen
Zu Beginn des Gesprächs ordnete Ali Mobasheri die Entwicklung der Stammzellforschung bei Arthrose historisch ein. Er verwies darauf, dass bereits vor 20–30 Jahren große Erwartungen an Stammzellen formuliert worden seien. Damals sei vielfach davon ausgegangen worden, dass Stammzellen nach intraartikulärer Injektion dauerhaft im Gelenk verbleiben, sich integrieren und Knorpel regenerieren würden. Diese Erwartungen hätten sich in dieser Form nicht erfüllt.
Mobasheri betonte, dass heute ein anderes Verständnis vorherrsche: Stammzellen würden primär parakrin wirken, also über Signalstoffe, nicht als dauerhaft integrierte regenerative Zellen. Ihre Wirkung sei zeitlich begrenzt, transient und immunmodulatorisch. Der Begriff „Heilung“ („cure“) sei in diesem Zusammenhang problematisch und solle vermieden werden.
Er schlug vor, den Fokus von einem unspezifischen Stammzellbegriff hin zu einer molekular präzisen Orthopädie zu verschieben, in der unterschiedliche biologische Plattformen gezielt für unterschiedliche Patientengruppen eingesetzt würden.
2. Klinische Studien vs. Real-World-Anwendung
Ein zentrales Thema des Gesprächs war der Unterschied zwischen randomisierten, placebokontrollierten Studien und realen klinischen Anwendungen. Mobasheri führte aus, dass streng kontrollierte Studien bei orthobiologischen Therapien extrem aufwendig, teuer und methodisch komplex seien. Randomisierung, Verblindung und geeignete Vergleichsgruppen seien schwierig umzusetzen.
Er stellte dem die sogenannte „Real-World“-Anwendung gegenüber, in der Arzt-Patienten-Beziehung, Erwartungshaltung, Aufklärung und Kontext eine große Rolle spielten. Diese Faktoren könnten zu anderen Ergebnissen führen als in kontrollierten Studien. Er wies darauf hin, dass ähnliche Diskrepanzen auch bei Hyaluronsäure-Injektionen beobachtet worden seien: Während kontrollierte Studien oft nur geringe Effekte zeigten, würden reale Anwendungen teilweise als wirksamer wahrgenommen.
Diese Unterschiede seien ein wichtiger, oft nicht ausreichend diskutierter Aspekt bei der Bewertung orthobiologischer Therapien.
3. Autologe vs. allogene Zelltherapien
Mobasheri erläuterte ausführlich die Unterschiede zwischen autologen und allogenen Zelltherapien.
- Autologe Therapien verwenden Zellen aus dem eigenen Körper, etwa aus Knochenmark oder Fettgewebe. Diese können entweder direkt („point of care“) wieder injiziert oder nach Laborverarbeitung als sogenannte „Advanced Therapy Medicinal Products“ eingesetzt werden.
- Allogene Therapien basieren auf Zellen eines Spenders, die charakterisiert, kultiviert und standardisiert werden. Diese Plattformen erlauben eine Behandlung mehrerer Patient:innen mit Zellen aus einer Quelle.
Er betonte, dass nicht alle Stammzelltherapien vergleichbar seien und dass Studienergebnisse immer im Kontext der jeweiligen Zellquelle, Verarbeitung und Studiendesigns betrachtet werden müssten.
4. Biologisches Alter der Zellen
Ein weiterer Schwerpunkt war der Unterschied zwischen chronologischem und biologischem Alter von Zellen. Mobasheri erklärte, dass Zellen mit zunehmendem Alter seneszente Eigenschaften entwickeln und ihre regenerative Kapazität abnimmt.
Er stellte den adulten Stammzellen, die aus Geburtsgeweben (z. B. Plazenta oder Wharton’s Jelly) gegenüber, die biologisch sehr jung seien. Diese Zellen wiesen in präklinischen Untersuchungen häufig höhere Proliferationsraten sowie höhere Konzentrationen antiinflammatorischer Zytokine und Wachstumsfaktoren auf. Direkte klinische Vergleichsstudien zwischen jungen und alten Zellpopulationen liegen jedoch bislang nicht vor.
5. Zellviabilität und Wirkmechanismen
Mobasheri ging detailliert auf die Frage ein, wie lange injizierte Zellen im Gelenk tatsächlich überleben. Er verwies darauf, dass viele Studien darauf hindeuten, dass die Mehrheit der injizierten Zellen innerhalb weniger Tage abstirbt. Daraus ergebe sich die zentrale Frage, ob die beobachteten Effekte tatsächlich auf lebende Zellen zurückzuführen seien oder auf deren Abbauprodukte und die anschließende Immunreaktion.
Er beschrieb die Hypothese, dass das Absterben der Zellen eine Art „Reset“-Mechanismus im Immunsystem auslösen könne, der zu einer Reduktion von Entzündung und Schmerz führe. Diese Mechanismen seien jedoch bislang nicht abschließend geklärt.
6. Secretome, extrazelluläre Vesikel und Exosomen
Aus diesen Überlegungen leitete Mobasheri das wachsende Interesse an zellfreien Ansätzen ab. Er erläuterte das Konzept des Secretoms, das aus einer Vielzahl von Signalstoffen besteht, darunter Proteine, Wachstumsfaktoren, Zytokine sowie extrazelluläre Vesikel und Exosomen.
Diese Ansätze hätten mehrere potenzielle Vorteile:
- geringere Komplexität in Herstellung und Lagerung
- geringere Kosten im Vergleich zu lebenden Zelltherapien
- möglicherweise geringeres regulatorisches Risiko
Er betonte jedoch, dass auch für diese Plattformen umfangreiche Sicherheits- und Wirksamkeitsnachweise erforderlich seien.
7. Sicherheit, Risiken und regulatorische Anforderungen
Mobasheri hob hervor, dass Sicherheit bei allen biologischen Therapien oberste Priorität habe. Bei Zelltherapien bestünden potenzielle Risiken, unter anderem durch infektiöse Erreger oder genetische Veränderungen. Regulierungsbehörden verlangen daher umfassende Sicherheitsdaten, insbesondere im Hinblick auf Langzeitrisiken wie Neoplasien.
Er erklärte, dass diese Anforderungen einer der Gründe seien, warum regulatorische Hürden für Zell- und Gentherapien besonders hoch seien.
8. Gentherapie bei Arthrose
Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde die Rolle der Gentherapie diskutiert. Mobasheri beschrieb laufende Phase-2-Studien mit adeno-assoziierten Virusvektoren, die auf entzündungshemmende Signalwege (z. B. IL-1-Rezeptorantagonisten) oder chondrogene Faktoren abzielen.
Er wies darauf hin, dass Gentherapie sehr vielversprechend sei, jedoch mit erheblichen Kosten und regulatorischen Herausforderungen verbunden bleibe. Kritisch äußerte er, dass Gentherapie teilweise als „überdimensionierte Lösung“ für ein komplexes Problem betrachtet werden könne, verglich dies jedoch zugleich mit der historischen Entwicklung biologischer Therapien, deren Kosten im Laufe der Zeit gesunken seien.
9. Endpunkte, Biomarker und neue Messmethoden
Ein zentrales methodisches Problem sah Mobasheri in der Frage geeigneter Endpunkte für klinische Studien. In der Arthroseforschung gebe es bislang keine ausreichend sensitiven Biomarker oder Surrogatendpunkte.
Er zeigte sich skeptisch gegenüber rein fragebogenbasierten Messinstrumenten und verwies auf das Potenzial von Wearables, Bewegungsanalysen, Schlafdaten und KI-gestützten Auswertungen, um objektivere und kontinuierliche Daten zu gewinnen.
10. Gesellschaftliche und ökonomische Dimensionen
Im Gespräch wurden auch Unterschiede zwischen Gesundheitssystemen thematisiert. Mobasheri verglich das US-amerikanische, stärker marktorientierte System mit europäischen, öffentlich-finanzierten Systemen. Er wies darauf hin, dass Kosten und Zugang zu innovativen Therapien maßgeblich davon abhängen.
Er betonte, dass erfolgreiche Therapien langfristig wirksam, sicher und bezahlbar sein müssten. Ein zentrales Ziel könne darin bestehen, invasive Eingriffe wie Gelenkersatzoperationen hinauszuzögern oder zu vermeiden.
11. Ausblick
Zum Abschluss äußerte Mobasheri, dass in den kommenden Jahren entscheidende Studienergebnisse erwartet werden. Er stellte in Aussicht, dass sich möglicherweise nicht eine einzige Plattform durchsetzen werde, sondern unterschiedliche Ansätze – Zelltherapien, Secretome, Gentherapie – je nach Indikation und Patientengruppe Anwendung finden könnten.
Er plädierte für Offenheit gegenüber neuen Ansätzen, interdisziplinäre Zusammenarbeit und eine realistische Kommunikation gegenüber Patient:innen.
Weiterführende Links zur Arthrose Forschung:
Arthrose Forschung in Österreich: Prof. Dr. Stefan Tögel
Arthrose Forschung in Österreich: Ludwig Boltzmann Gesellschaft
Arthrose Forschung in Österreich: Prof. Dr. Stefan Nehrer
Arthrose Forschung in Australien: Prof. David Hunter
Hinweis der Redaktion: Grundlage dieses Beitrags ist ein öffentlich zugängliches LinkedIn-Live-Gespräch. Die Inhalte wurden auf Basis einer Transkription und Übersetzung zusammengefasst. Der Text wurde inhaltlich nicht interpretiert oder verändert, sondern ausschließlich strukturiert wiedergegeben. Der Beitrag stellt keine Therapieempfehlung dar.
Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin & Herausgeberin Österreichisches Arthrose Magazin
Bild: Illustration, KI-gestützt erstellt / Redaktion tirolturtle.at







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