Wenn das Gelenk getauscht werden muss: Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Hüft- oder Knie-OP. Experte Dr. Felix Riechelmann klärt auf!
Mit einem sehr klar strukturierten und verständlichen Vortrag zeigte Dr. med. Felix Riechelmann, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie an der Universitätsklinik Innsbruck, wie wichtig es ist, Entscheidungen rund um Hüft- und Knieprothesen gut informiert zu treffen – und warum viele Patient:innen oft mehr Möglichkeiten haben, als sie denken.
Der Vortrag erfolge im Rahmen des Ötztal.Arthrose.Campus im Herbst 2025. Zum Arthrose Urlaubsprogramm und Arthrose Vorträge 2026 geht es hier: Ötztal.Arthrose.Campus und Arthrose Wochen 2026
Arthrose verstehen – und richtig einordnen
Riechelmann begann mit einer zentralen Botschaft:
Nicht jede Arthrose braucht sofort eine Prothese.
Die meisten Menschen befinden sich im Stadium 1 bis 3 nach Kellgren & Lawrence – also in Phasen, in denen konservative Therapien hervorragend wirken können. Stadium 4 mit „Knochen auf Knochen“ ist deutlich seltener.
Arthrose verläuft stadienhaft, verschlechtert sich also schrittweise. Entscheidend sind nicht nur Röntgenbilder, sondern vor allem:
– Schmerzen
– Schwellungen
– Funktionsverlust
– Einschränkung der Lebensqualität
Knorpel kann mehr, als man glaubt
Ein besonders wichtiger Teil:
Knorpel ist lebendiges Gewebe und kann sich regenerieren – entgegen der oft verbreiteten Meinung.
Dafür braucht er:
- Bewegung (zyklisch, moderat, 10–15 Minuten, zweimal täglich)
- Regenerationszeit (8 Stunden Pause zwischen Belastungen)
- ausreichende Ernährung über die Gelenkflüssigkeit
Beispiele:
Radfahren am Hometrainer, aquatische Übungen, Yoga, gelenkschonendes Durchbewegen.
Ernährung & Lebensstil: Mehr Einfluss, als viele denken
Dr. Riechelmann betonte, wie stark Ernährung Entzündungen beeinflusst.
Empfohlen werden:
- überwiegend pflanzliche Kost
- wenig Zucker
- wenig rotes Fleisch
- viel Gemüse
- gesunde Fette (Nüsse, Olivenöl, Omega-3)
Alkohol und Nikotin wirken sich klar negativ aus.
Medikamente: Was wirklich wirkt – und worauf es ankommt
Viele Patient:innen erhalten rein routinemäßig Ibuprofen.
Riechelmann stellte klar:
Ibuprofen wirkt im entzündeten Gelenk schlechter als gedacht.
Oft sinnvoller:
- Diclofenac (wirkt sehr gut, aber engmaschige Kontrolle notwendig)
- Naproxen
- COX-2-Hemmer (z. B. Arcoxia)
Ganz wichtig:
Nicht länger als 7–10 Tage durchgehend, keine Dauertherapie.
Injektionen: Was bringt wirklich etwas?
Riechelmann erklärte sehr differenziert:
Hyaluronsäure und PRP:
✔ sinnvoll, solange noch Knorpel vorhanden ist
❌ sinnlos bei „Knochen auf Knochen“
Cortison:
✔ hilft gut bei akuter Entzündung
❗ aber maximal 3–4× pro Jahr, wegen Nebenwirkungen
Kombinationspräparate: möglich, aber sorgfältig abwägen.
Sein Rat:
„Nehmen Sie nicht alles an, was Ihnen angeboten wird – lassen Sie sich beraten, was wirklich sinnvoll ist.“
Physiotherapie und Bewegung – unverzichtbar
Regelmäßiges Training ist entscheidend:
- Kraft
- Dehnung
- Koordination
- Stabilität
Wichtige Botschaft:
„Wenn die Arthrose aufflammt, ist Bewegung besser als Schonung.“
Gewicht: jeder Kilo zählt – im wahrsten Sinne
Ein zentrales Rechenbeispiel:
Minus 5 kg Körpergewicht = Minus 20 kg Kniebelastung pro Schritt.
Beim Bergabgehen sogar das Siebenfache!
71 % aller Menschen mit Adipositas entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Kniearthrose.
Wann braucht man wirklich eine Prothese?
Nicht das Röntgenbild wird operiert – sondern der Mensch.
Operation erst, wenn:
- tägliche oder nächtliche Schmerzen bestehen
- konservative Therapie ausgeschöpft ist
- Medikamente nur noch mit Problemen möglich sind
- Lebensqualität, Freizeit, Sport oder soziale Teilhabe leiden
- Abhängigkeit von Hilfe entsteht
Auch das Alter spielt eine Rolle, aber weniger dogmatisch als oft behauptet.
Wissenschaftlich liegt der optimale Zeitraum zwar zwischen 70 und 75 Jahren,
– aber: auch eine 60-Jährige oder ein/e 80-Jährige/r kann eine gute Indikation haben.
Vorbereitung auf eine OP: Better in – better out
Dr. Riechelmann stellte ein neues Konzept vor, das an der Universitätsklinik Innsbruck (Ortho Trauma) derzeit etabliert wird:
Wartezeit = Vorbereitungszeit
mit Bausteinen wie:
- Stressabbau, Schlafhygiene, Entspannung
- proteinreiche Ernährung (2 g/kg KG/Tag)
- Bewegung & Kraftaufbau
- digitale Unterstützung via Wearables
Ziel:
bessere Ergebnisse nach Hüft- oder Knieprothese.
Hüftprothese: „Die erfolgreichste Operation der Medizin“
Minimalinvasiv, kleiner Schnitt, sehr hohe Zufriedenheit.
Haltbarkeit: 20–25 Jahre (oft länger).
Komplikationen: niedrig.
Erfolgsquote über 95 %.
Knieprothese: komplexer – aber große Fortschritte
Nur 80 % sind „sehr zufrieden“ – besser als früher, aber noch ausbaufähig.
Grund:
Alle Knie wurden jahrzehntelang gleich eingebaut, egal ob O-, X- oder Normalbein.
Neue Lösungen:
- Schlittenprothese (teilweise, wenn nur ein Kompartiment betroffen ist)
- personalisierte Knieprothese (eigenes Alignment berücksichtigen)
- Roboterassistierte oder kinematische Implantation
Vorteile:
✔ natürlicheres Bewegungsgefühl
✔ höhere Zufriedenheit
✔ funktionell bessere Ergebnisse
Nach der Operation
- Aufstehen am OP-Tag
- Voll belastbar
- Krücken 1–2 Wochen
- Reha nach 3–6 Wochen
- Autofahren nach 4–6 Wochen
- Alltag schnell wieder möglich
- Viele Sportarten gut machbar, sogar Skifahren (Blau/Rot)
Seine wichtigste Botschaft
„Haben Sie keine Angst vor einem Kunstgelenk.
Wenn es notwendig ist, kann es ein echter Befreiungsschlag sein.“
Viele Patient:innen sagen im Rückblick:
„Hätte ich gewusst, wie gut es mir danach geht, hätte ich es früher machen lassen.“
Hinweis: Die hier geteilten Informationen sollen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz beitragen, ersetzen aber in keinem Fall die ärztliche Diagnose, Beratung und Behandlung.
Redaktioneller Beitrag von Barbara Egger-Spiess, Gesundheitsjournalistin & Herausgeberin Österreichisches Arthrose Magazin















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